Fakten (kompakt)
- Die Art besitzt einen diploiden Chromosomensatz von 2n = 18 und repräsentiert das C-Genom in der Brassica-Zytogenetik. - Im 1935 von Nagaharu U aufgestellten „Dreieck des U“ bildet *Brassica oleracea* eine der drei Basis-Ecken für die Entstehung allopolyploider Kulturarten. - Durch Kreuzung steuerte die Art ihr Genom zur Entwicklung von Raps (*Brassica napus*, AC-Genom, 2n = 38) bei. - Die vier Kronblätter der Blüte sind cremegelb bis weiß gefärbt und erreichen eine Länge von 1,5 bis 3 cm. - Die Früchte bilden sich als lineare Schoten (Siliquen) von 2,5 bis 10 cm Länge aus. - Jedes Fruchtfach einer Schote enthält typischerweise 10 bis 20 dunkelbraune bis schwärzliche Samen.[11] - Historische Belege datieren den Beginn der Kultivierung im Mittelmeerraum bis in das 6. Jahrhundert v. Chr. zurück. - Für optimales Gedeihen benötigt die Pflanze stickstoffreiche Böden in voller Sonne oder im Halbschatten. - Phylogenetische Untersuchungen aus dem Jahr 2021 identifizierten die ägäische Art *Brassica cretica* als den nächsten lebenden Verwandten. - Ein taxonomisches Synonym für die wildlebenden Populationen ist *Brassica sylvestris*.[11]
Der Rotkohl wird taxonomisch als *Brassica oleracea* var. *capitata* f. *rubra* oder als rotblättrige Sorte der Capitata-Gruppe innerhalb der Art *Brassica oleracea* eingeordnet.[1] Der Gattungsname *Brassica* leitet sich vom keltischen Wort *bresic* für Kohl ab, eine Bezeichnung, die bereits von Plinius dem Älteren in der *Naturalis Historia* verwendet wurde. Das Art-Epitheton *oleracea* entstammt dem Lateinischen (*oleraceus*) und bedeutet „zum Gemüsegarten gehörig“, was die historische Bedeutung als Kulturpflanze unterstreicht.[3] Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Art erfolgte 1753 durch Carl von Linné in seinem Werk *Species Plantarum*. Für die spezifische Form *rubra* wird in taxonomischen Datenbanken die Autorschaft „(L.) Peterm.“ geführt. Genetisch gehört der Rotkohl als diploide Pflanze (2n=18) zum C-Genom im „Dreieck des U“, einem Modell, das die Verwandtschaftsverhältnisse der *Brassica*-Arten beschreibt. Historisch wurden wilde Populationen der Art oft unter dem Synonym *Brassica sylvestris* geführt. Phylogenetische Untersuchungen identifizierten die im Ägäisraum endemische *Brassica cretica* als engsten lebenden Verwandten, von dem sich die Kulturlinien jedoch genetisch abgrenzen. Innerhalb der Art wird der Rotkohl der Capitata-Gruppe (Kopfkohl) zugeordnet, deren charakteristisches Merkmal die Bildung fester Köpfe durch vergrößerte Terminalknospen ist.[1]
Brassica oleracea wächst als zweijährige oder ausdauernde krautige Pflanze, die typischerweise Höhen von 0,3 bis 3 Metern erreicht, wobei der Rotkohl (*var. capitata f. rubra*) zur Capitata-Gruppe zählt, die durch vergrößerte Endknospen und eine ausgeprägte Kopfbildung definiert ist.[4][8] Die Pflanze bildet eine basale Rosette aus fleischigen Blättern, die dick und wachsartig bereift (glauk) sind.[1] Diese Blätter sind gestielt, eiförmig bis lanzettlich und erreichen Längen von bis zu 40 cm, wobei die Ränder gewellt oder gelappt sein können.[4][1] Im Gegensatz zur offenen Wuchsform wilder Varietäten zeichnet sich die Capitata-Gruppe durch eine extreme Verdichtung der Blätter zu einem festen Kopf aus (Blatthypertrophie).[8] Der Stängel ist kahl, aufrecht und verzweigt sich im zweiten Jahr während des Schossens (Bolting) zur Bildung des Blütenstandes.[1] Die zwittrigen Blüten besitzen vier cremegelbe oder weiße Kronblätter mit einer Länge von 1,5 bis 3 cm und sind kreuzförmig angeordnet.[4][1] Sie stehen in traubigen Blütenständen von 20 bis 40 Einzelblüten, die jeweils einen Durchmesser von 3 bis 5 cm aufweisen.[1] Nach der Befruchtung entwickeln sich 2,5 bis 10 cm lange, lineare Schoten (Siliquen), die bei Reife explosiv aufplatzen.[4][1] Jede Schote enthält 10 bis 20 dunkelbraune bis schwärzliche Samen pro Fach.[4] Das Wurzelsystem wird durch eine tiefe Pfahlwurzel dominiert, die der Pflanze Stabilität in verschiedenen Substraten verleiht.[1] Zytogenetisch ist die Art diploid mit einem Chromosomensatz von 2n = 18, was sie von verwandten polyploiden Arten unterscheidet.[3] An den Pflanzen finden sich häufig Larven des Kleinen Kohlweißlings (*Pieris rapae*), die sich von den Blättern ernähren.[1] Ein Befall durch die Kohlhernie (*Plasmodiophora brassicae*) ist an gallenartigen Verdickungen der Wurzeln erkennbar, die das Gefäßgewebe deformieren.[9] Charakteristisch für die Adernschwärze (*Xanthomonas campestris*) sind V-förmige gelbe Läsionen mit schwarzen Adern an den Blatträndern.[8] Die Larven der Kleinen Kohlfliege (*Delia radicum*) bohren sich in die Wurzeln und verursachen Welkeerscheinungen.[3]
Rotkohl (*Brassica oleracea* var. *capitata* f. *rubra*) ist als Kulturpflanze wirtschaftlich bedeutend, unterliegt jedoch einem hohen Befallsdruck durch spezialisierte Schädlinge und Pathogene.[1] Zu den Hauptschädlingen zählt die Mehlige Kohlblattlaus (*Brevicoryne brassicae*), die Kolonien auf Blattunterseiten bildet und zu Kräuselungen, Kümmerwuchs sowie Virusübertragungen führt.[3] Die Kleine Kohlfliege (*Delia radicum*) legt ihre Eier in Bodennähe ab, woraufhin die Larven die Wurzeln schädigen, was Welke, Verfärbungen und Sekundärinfektionen verursacht.[1] Ein bedeutender Blattfresser ist die Larve des Kleinen Kohlweißlings (*Pieris rapae*), während Schnecken besonders in feuchten Umgebungen unregelmäßige Fraßlöcher hinterlassen.[6][1] Unter den Krankheiten stellt die Kohlhernie (*Plasmodiophora brassicae*) eine ernste Bedrohung dar, da sie Wurzelgallen bildet und die Nährstoffaufnahme massiv stört, was oft zum Absterben der Pflanze führt.[6] Bakterielle Schwarzadrigkeit (*Xanthomonas campestris* pv. *campestris*) zeigt sich durch V-förmige gelbe Läsionen mit schwarzen Adern am Blattrand und kann unter warm-feuchten Bedingungen zu Totalausfällen führen.[8] Viren wie das durch Blattläuse übertragene Wasserrübenmosaikvirus (TuMV) verursachen Mosaikmuster und Nekrosen, die den Ertrag stark mindern.[1] Medizinisch relevant ist das goitrogene Potenzial bei übermäßigem Rohverzehr, da Glucosinolate die Jodaufnahme der Schilddrüse hemmen können, was durch Kochen jedoch um bis zu 90 % gemindert wird. Seltene allergische Reaktionen können durch Proteine wie Lipid-Transfer-Proteine oder Profiline ausgelöst werden, wobei Kreuzreaktionen mit Pollen möglich sind. Im Rahmen des Integrierten Pflanzenschutzes (IPM) wird eine Fruchtfolge von mindestens drei bis vier Jahren empfohlen, um Pathogenzyklen im Boden zu unterbrechen.[3] Züchterische Maßnahmen fokussieren sich zunehmend auf Resistenzen, beispielsweise gegen Kohlhernie, sowie den Einsatz von Gen-Editierung zur Erhöhung der Klimaresilienz gegenüber Hitze und Schädlingen.[3][1]