Fakten (kompakt)
- Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft die Art aufgrund ihrer großen Abundanz und hohen Anpassungsfähigkeit als „nicht gefährdet“ (Least Concern) ein. - Als Reservoirwirt überträgt die Wanderratte spezifische Krankheitserreger wie *Leptospira*-Bakterien (Auslöser der Leptospirose) über urinkontaminiertes Wasser sowie Hantaviren und den Pilzparasiten *Enterocytozoon bieneusi*.[10] - Die gezielte Entwicklung von Domestikationsstämmen für die Wissenschaft begann im 19. Jahrhundert, was die Art zu einem zentralen Modellorganismus für Genetik, Neurologie und Toxikologie machte. - Bereits 1735, vor der formalen Erstbeschreibung, bezeichnete der niederländische Naturforscher Albertus Seba ein ähnliches Nagetier als *Mus ex Norvegia*, was zur späteren Fehlbenennung beitrug. - Systematisch wird *Rattus norvegicus* der Ordnung Rodentia (Nagetiere), der Klasse Mammalia (Säugetiere) und dem Stamm Chordata (Chordatiere) zugeordnet.[10] - Im Gegensatz zur Hausratte (*Rattus rattus*), die bereits seit dem Mittelalter in Europa präsent war, etablierte sich die Wanderratte dort erst Mitte des 18. Jahrhunderts.[10]
Der wissenschaftliche Name der Wanderratte lautet *Rattus norvegicus*, wobei die formale Erstbeschreibung durch den britischen Naturforscher John Berkenhout im Jahr 1769 erfolgte.[1][2] Berkenhout veröffentlichte die Bezeichnung in seinem Werk *Outlines of the Natural History of Great Britain and Ireland* basierend auf in England gesammelten Exemplaren.[2] Das Art-Epitheton *norvegicus* suggeriert eine Herkunft aus Norwegen, was auf der damaligen Fehlannahme beruhte, die Tiere seien über norwegische Handelsschiffe eingewandert.[1][2] Diese Benennung knüpfte an eine frühere Referenz des niederländischen Naturforschers Albertus Seba an, der ein ähnliches Nagetier bereits 1735 als *Mus ex Norvegia* bezeichnete.[2] Tatsächlich belegen genetische und archäologische Daten jedoch einen Ursprung in Nordchina und der Mongolei, während die Art in Norwegen erst nach ihrer Etablierung in Großbritannien dokumentiert wurde.[3] Im deutschsprachigen Raum hat sich die Trivialbezeichnung Wanderratte etabliert. International sind die englischen Namen „Brown rat“ und „Norway rat“ gebräuchlich, die auf die Fellfärbung beziehungsweise die historische Fehlbenennung verweisen.[1] Systematisch wird die Art der Familie der Langschwanzmäuse (Muridae) zugeordnet und gehört zur Gattung *Rattus*.[2] Phylogenetische Analysen datieren die evolutionäre Abspaltung von der verwandten Hausratte (*Rattus rattus*) auf einen Zeitraum vor etwa 2 bis 3 Millionen Jahren.[1]
Die Wanderratte (*Rattus norvegicus*) ist ein robustes, gedrungenes Nagetier mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 20 bis 28 cm und einer Schwanzlänge von 15 bis 22 cm, wobei der Schwanz meist kürzer als der Körper ist.[1][2] Adulte Tiere wiegen durchschnittlich 200 bis 500 g, wobei Exemplare in städtischen Lebensräumen mit reichem Nahrungsangebot Massen von über 900 g erreichen können. Das raue Fell ist dorsal braun bis grau gefärbt und auf der Bauchseite heller abgesetzt. Der Kopf zeichnet sich durch eine stumpfe Schnauze sowie kleine, abgerundete Ohren aus. Die kleinen, seitlich positionierten Augen sind dunkel pigmentiert, während lange Vibrissen an der Schnauze als hochsensible Mechanorezeptoren zur Orientierung in dunklen Umgebungen dienen.[2] Das Gebiss verfügt über wurzellose, ständig nachwachsende Schneidezähne, deren Zahnschmelz durch Eiseneinlagerungen orange gefärbt und gehärtet ist, was das Nagen harter Materialien ermöglicht.[4] Der spärlich behaarte, schuppige Schwanz fungiert als Organ zur Balance und Thermoregulation. Das Skelett ist kräftig gebaut, mit starken Gliedmaßen und Krallen, die an das Graben von Erdbauen angepasst sind.[2] Es besteht ein ausgeprägter Sexualdimorphismus, bei dem Männchen mit durchschnittlich 454 bis 652 g signifikant schwerer und größer sind als Weibchen (340 bis 454 g) und zudem größere Schädel aufweisen.[1][4] Neugeborene sind Nesthocker, unbehaart und blind bei einem Geburtsgewicht von etwa 5 bis 6 Gramm; ihre Augen öffnen sich erst nach 14 bis 17 Tagen.[4] Von der ähnlichen Hausratte (*Rattus rattus*) unterscheidet sich *R. norvegicus* durch den kräftigeren Körperbau, die stumpfere Schnauze und den im Verhältnis zum Körper kürzeren Schwanz.[1] Zudem sind die Ohren der Wanderratte im Vergleich kleiner und bedecken beim Umklappen nach vorne nicht die Augen.[2]
Die Wanderratte (*Rattus norvegicus*) gilt weltweit als bedeutender Hygiene- und Vorratsschädling, der durch Fraß, Kontamination und Materialzerstörung jährliche Schäden von geschätzt 19 Milliarden Dollar verursacht. In der Landwirtschaft dezimiert sie Kulturen wie Reis und Mais, wobei ein einzelnes Tier jährlich 9–18 kg Futter verzehrt und die zehnfache Menge durch Urin und Kot verunreinigt. Strukturelle Schäden entstehen durch das Annagen von elektrischen Leitungen, was Brände auslösen kann, sowie durch Wühltätigkeiten, die Fundamente und Deiche untergraben. Medizinisch fungiert der Nager als Reservoir für zoonotische Erreger wie *Leptospira interrogans* (Leptospirose), *Salmonella* und das Seoul-Hantavirus, die über Ausscheidungen oder Vektoren übertragen werden.[2] Obwohl historisch die Hausratte Hauptvektor der Pest war, beherbergt auch *R. norvegicus* *Yersinia pestis* und war an späteren Ausbrüchen beteiligt. Typische Befallsanzeichen sind Nagespuren, Schmierspuren auf Laufwegen, Kot sowie unter Vegetation verborgene Baueingänge. Präventive Maßnahmen konzentrieren sich auf das bauliche Verschließen von Zugängen größer als 1,27 cm mit resistenten Materialien wie Stahlwolle. Hygienisches Management durch konsequente Entfernung von Nahrungsabfällen ist essenziell, um die Populationsdichte zu begrenzen.[2] Das Monitoring erfolgt über visuelle Inspektionen und Fallen, wobei neuere Entwicklungen synthetische Pheromone zur Steigerung der Nachweisempfindlichkeit nutzen.[1] Die Bekämpfung im Rahmen eines integrierten Schädlingsmanagements (IPM) kombiniert physikalische Schlagfallen mit chemischen Rodentiziden, primär Antikoagulanzien wie Brodifacoum.[2] Aufgrund verbreiteter genetischer Resistenzen gegen diese Wirkstoffe gewinnen innovative Ansätze wie kristalline Wirkstoffmodifikationen oder spezifische Lockstoffe an Bedeutung.[1] Während eine Ausrottung in urbanen Räumen aufgrund ständiger Zuwanderung kaum möglich ist, konnten auf isolierten Inseln wie Südgeorgien durch gezielte Kampagnen native Ökosysteme erfolgreich wiederhergestellt werden. Trotz ihres Schädlingsstatus ist die Art als Labortier in der biomedizinischen Forschung unverzichtbar und wird als Farbratte auch als Heimtier gehalten.[2]