Die Ameisenhaltung, auch als Myrmekologie im Hobbybereich bekannt, hat sich in den letzten Jahren von einer Nische zu einem faszinierenden Trend entwickelt. Wer an Haustiere denkt, hat meist Hunde, Katzen oder vielleicht noch Fische im Kopf. Doch der Blick in ein Formicarium – das künstliche Nest für Ameisen – offenbart eine Welt, die an Komplexität und Dramatik kaum zu überbieten ist. Es ist der Blick auf einen „Superorganismus“, in dem das Individuum fast nichts, das Kollektiv aber alles zählt. Ameisen sind nicht nur die heimlichen Herrscher unserer Ökosysteme, sondern auch pflegeleichte, aber hochinteressante Pfleglinge, die uns viel über Organisation, Kommunikation und Überlebensstrategien lehren können. In diesem Artikel erfahren Sie alles, was Sie über den Einstieg in dieses spannende Hobby wissen müssen, welche biologischen Wunder in einem Ameisenstaat ablaufen und worauf Sie bei der Haltung achten müssen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Der Superorganismus: Ein Ameisenstaat agiert wie ein einziges Lebewesen, wobei Königin, Arbeiterinnen und Brut spezialisierte Funktionen übernehmen.
- Einstieg für Anfänger: Die heimische Lasius niger (Schwarzgraue Wegameise) ist robust und ideal für Einsteiger geeignet.
- Das Formicarium: Es besteht aus einem Nestbereich (z. B. Ytong, Gips, Farm) und einer Arena für die Futteraufnahme und den Auslauf.
- Winterruhe: Heimische Arten benötigen zwingend eine kühle Überwinterung (ca. Oktober bis März), um langfristig gesund zu bleiben.
- Verantwortung: Exotische Arten bergen Risiken für die heimische Fauna und sollten niemals in die Freiheit entlassen werden.
Faszination Ameise: Warum wir sie beobachten sollten
Ameisen gehören zu den erfolgreichsten Lebewesen auf unserem Planeten. Weltweit sind über 14.000 Arten beschrieben, wobei die tatsächliche Zahl auf bis zu 30.000 geschätzt wird[1]. Ihre Biomasse entspricht in etwa der aller Menschen auf der Erde. Doch was macht sie als Haustiere so spannend? Es ist die Eusozialität, eine Form des Zusammenlebens, die in der Tierwelt die höchste Stufe der sozialen Organisation darstellt. In einem Ameisenstaat gibt es eine klare Arbeitsteilung, kooperative Brutpflege und ein Zusammenleben mehrerer Generationen[2]. Wenn Sie Ameisen halten, beobachten Sie nicht nur ein einzelnes Tier, sondern das Wachstum und die Entwicklung einer ganzen Zivilisation im Miniaturformat.
Die Kasten: Wer macht was?
In jedem funktionierenden Ameisenstaat gibt es verschiedene Kasten, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Das Verständnis dieser Struktur ist essenziell für die Haltung:
- Die Königin (Gynomorphe): Sie ist das Herzstück der Kolonie. Nach dem Hochzeitsflug wirft sie ihre Flügel ab und widmet ihr restliches Leben – das bei Arten wie Lasius niger bis zu 29 Jahre dauern kann – fast ausschließlich der Eiablage[3]. Sie steuert die Kolonie jedoch nicht durch „Befehle“, sondern durch Pheromone, die den Zusammenhalt sichern und die Reproduktion der Arbeiterinnen unterdrücken.
- Die Arbeiterinnen: Dies sind unfruchtbare Weibchen, die alle anfallenden Arbeiten erledigen. Interessanterweise durchlaufen sie oft eine altersabhängige Arbeitsteilung (Alterspolyethismus). Junge Arbeiterinnen kümmern sich im sicheren Nest um die Brut und die Königin (Innendienst), während ältere Tiere die gefährlicheren Aufgaben wie Nahrungssuche und Verteidigung im Außendienst übernehmen[3].
- Die Männchen: Sie treten nur saisonal auf, meist vor den Schwarmflügen im Sommer. Ihre einzige Aufgabe ist die Begattung von Jungköniginnen, danach sterben sie. Sie beteiligen sich nicht an den sozialen Aufgaben des Nestes[2].
Wissenswertes: Der soziale Magen
Ameisen füttern sich gegenseitig. Wenn eine Arbeiterin Nahrung aufnimmt, landet diese zunächst im Kropf, dem sogenannten „sozialen Magen“. Von dort kann sie den Nahrungsbrei hervorwürgen und an hungrige Nestgenossinnen, Larven oder die Königin weitergeben. Dieser Vorgang wird Trophallaxis genannt und ist ein zentraler Bestandteil der Kommunikation und Nährstoffverteilung im Staat[3].
Die Wahl der richtigen Art für Einsteiger
Nicht jede Ameise eignet sich für den Einstieg. Exotische Arten wie Blattschneiderameisen (Atta oder Acromyrmex) sind zwar spektakulär, da sie Pilze züchten und riesige Straßen bilden, doch ihre Haltung ist extrem aufwendig und fehleranfällig. Sie benötigen große Mengen an Blattmaterial und ein komplexes Klimamanagement, da der Pilz sehr empfindlich auf Schwankungen reagiert[4]. Für Anfänger empfehlen sich daher robuste, heimische Arten.
Lasius niger (Schwarzgraue Wegameise)
Dies ist der Klassiker unter den Einsteiger-Ameisen. Sie ist in ganz Deutschland verbreitet und sehr anpassungsfähig. Lasius niger verzeiht kleine Haltungsfehler, ist sehr aktiv und zeigt eine schnelle Rekrutierung bei der Fütterung. Ein Staat hat in der Regel nur eine Königin (Monogynie) und kann bis zu 50.000 Arbeiterinnen umfassen, wobei in der Haltung meist kleinere Koloniegrößen erreicht werden. Sie nisten im Boden oder unter Steinen und bauen oft kleine Erdhügel[5].
Lasius flavus (Gelbe Wiesenameise)
Diese bernsteingelbe Ameise lebt in der Natur sehr versteckt im Untergrund und züchtet Wurzelläuse, deren Honigtau sie erntet[5]. Im Formicarium ist sie wunderschön anzusehen, aber aufgrund ihrer Lichtscheue und inaktiveren Außenaktivität etwas weniger „actionreich“ als L. niger. Sie ist jedoch sehr friedfertig und einfach zu halten.
Myrmica rubra (Rote Gartenameise)
Wer es etwas wehrhafter mag, greift zu Myrmica rubra. Diese Art gehört zu den Knotenameisen und besitzt einen funktionstüchtigen Giftstachel. Sie sind aggressiver und jagen aktiv kleine Insekten. Im Gegensatz zu Lasius-Arten können sie mehrere Königinnen in einer Kolonie haben (Polygynie). Sie benötigen jedoch zwingend mehr Feuchtigkeit als andere Arten, da sie ursprünglich aus feuchten Wiesen und Waldrändern stammen[5][6].
Warnung: Geschützte Arten
Einige heimische Ameisenarten, insbesondere die hügelbauenden Waldameisen der Gattung Formica (z. B. Formica rufa, Formica polyctena), stehen unter strengem Naturschutz. Sie dürfen weder der Natur entnommen noch in ihren Nestern gestört werden. Diese Arten erfüllen wichtige ökologische Funktionen, wie die Verbreitung von Pflanzensamen und die Regulation von Forstschädlingen[7]. Bitte beschränken Sie sich auf nicht geschützte Arten oder kaufen Sie Tiere aus legalen Zuchten.
Das Formicarium: Lebensraum im Glas
Ein Formicarium besteht in der Regel aus zwei Bereichen: dem Nest (wo die Königin und die Brut leben) und der Arena (dem Auslaufbereich für Futter und Müllentsorgung).
Nestvarianten
In der Natur graben Ameisen komplexe Tunnelsysteme in den Boden oder nisten in Totholz. Im Formicarium simulieren wir dies:
- Reagenzglas: Für die Gründung einer Kolonie (nur Königin und erste Arbeiterinnen) ist ein Reagenzglas mit Wassertank die beste Wahl. Es bietet konstante Feuchtigkeit und Enge, was den Tieren Sicherheit vermittelt.
- Farm (Plattenabstand): Zwei Glasplatten mit einem geringen Abstand, gefüllt mit Sand-Lehm-Gemisch. Hier können Sie den Ameisen beim Graben zusehen. Nachteil: Bei falscher Befeuchtung besteht Einsturzgefahr.
- Ytong (Porenbeton): Ein Klassiker. In einen Ytong-Stein werden Kammern und Gänge gemeißelt und mit einer Glasscheibe abgedeckt. Ytong speichert Wasser hervorragend und befeuchtet das Nest gleichmäßig, was besonders für die Brutentwicklung wichtig ist. Zudem schimmelt es nicht leicht (anorganisch).
- 3D-Druck Nester: Moderne Nester aus dem 3D-Drucker bieten perfekte Einsicht und oft integrierte Befeuchtungssysteme.
Ausbruchsschutz
Ameisen sind Ausbruchskünstler. Besonders kleine Arten wie die Pharaoameise (Monomorium pharaonis) können durch winzige Ritzen entkommen und sich in Gebäuden ansiedeln, wo sie aufgrund ihrer Keimverschleppung als Gesundheitsschädlinge gelten[8]. Für die Haltung von Lasius oder Myrmica genügt meist ein Rahmen am oberen Rand der Arena, der mit Ausbruchsschutzöl, Talkum oder PTFE (Teflon) bestrichen ist. Die Ameisen finden auf diesen Oberflächen keinen Halt und rutschen ab.
Pflege und Ernährung
Die Ernährung von Ameisen basiert auf zwei Säulen: Kohlenhydrate für die Energie der Arbeiterinnen und Proteine für das Wachstum der Larven und die Eiproduktion der Königin.
Kohlenhydrate
In der Natur decken Ameisen ihren Energiebedarf oft durch den Honigtau von Blattläusen. Diese Symbiose, Trophobiose genannt, ist hoch entwickelt: Die Ameisen „melken“ die Läuse und beschützen sie im Gegenzug vor Fressfeinden wie Marienkäfern[5]. Im Formicarium simulieren wir dies durch Zuckerwasser, Invertzucker oder Honiglösungen. Achtung: Honig sollte aus ökologischer Quelle stammen, um Pestizidbelastungen zu vermeiden.
Proteine
Ohne Eiweiß wächst die Kolonie nicht. Larven benötigen Proteine zur Metamorphose. In der Natur jagen Ameisen andere Insekten oder verwerten Aas. Ein Volk der Kleinen Roten Waldameise kann auf einer Fläche von 0,27 Hektar jährlich bis zu 6,1 Millionen Arthropoden erbeuten[5]. Im Heim bieten sich Fruchtfliegen, Heimchen, Mehlwürmer oder Schaben an. Diese sollten vor der Fütterung kurz überbrüht werden, um Milbenbefall zu verhindern.
Hygiene und soziale Immunität
Ameisen sind reinliche Tiere. Sie betreiben intensive Körperpflege und nutzen antimikrobielle Sekrete. Die Metapleuraldrüse vieler Ameisenarten produziert antibiotische Substanzen, die das Nest vor Pilzen und Bakterien schützen. Zudem zeigen sie ein Verhalten, das als „soziale Immunität“ bezeichnet wird: Erkrankte Tiere werden geputzt, oder Sporen werden mechanisch entfernt, bevor sie keimen können. In manchen Fällen, wie bei der Lasius neglectus, entfernen sich kranke Tiere sogar vom Nest, um allein zu sterben und die Kolonie nicht zu gefährden[9]. Als Halter sollten Sie Futterreste regelmäßig entfernen, um Schimmelbildung zu vermeiden, den Rest erledigen die Ameisen meist selbst.
Der Jahreszyklus: Winterruhe ist Pflicht
Ein häufiger Anfängerfehler ist das Durchpflegen im Winter. Heimische Ameisenarten wie Lasius niger, Lasius flavus oder Myrmica rubra haben einen endogenen Rhythmus. Sie benötigen eine Phase der Kälte (Diapause), um im nächsten Jahr wieder Eier legen zu können. Ohne Winterruhe wird die Kolonie schwach, die Königin legt weniger Eier und die Lebenserwartung sinkt drastisch.
So geht’s: Von etwa Oktober bis März sollten die Ameisen bei Temperaturen zwischen 5°C und 8°C gelagert werden (z. B. im Kühlschrank, Keller oder in einer gut isolierten Styroporbox auf dem Balkon). Wichtig: Das Nest darf niemals austrocknen, aber die Tiere benötigen in dieser Zeit kein Futter, da der Stoffwechsel stark heruntergefahren ist.
Risiken und Verantwortung: Invasive Arten
Während die Haltung heimischer Arten ökologisch unbedenklich ist (solange sie nicht aus der Natur entnommen werden), birgt der Handel mit exotischen Ameisen Risiken. Invasive Arten wie die Argentinische Ameise (Linepithema humile) oder die Invasive Gartenameise (Lasius neglectus) können riesige Superkolonien bilden und heimische Arten verdrängen[10]. Lasius neglectus beispielsweise wurde vermutlich durch Pflanzenhandel nach Europa eingeschleppt, bildet vernetzte Superkolonien ohne Aggression untereinander und rottet lokale Ameisenarten aus[10].
Als Halter tragen Sie eine große Verantwortung: Lassen Sie niemals exotische Ameisen in die Freiheit entkommen! Selbst europäische Arten aus Südeuropa (z. B. Messor aus dem Mittelmeerraum) können in milderen Regionen Deutschlands überleben und das ökologische Gleichgewicht stören.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie lange leben Ameisen?
Das variiert stark je nach Kaste. Arbeiterinnen leben meist nur wenige Monate bis ein paar Jahre. Die Königin hingegen kann ein biblisches Alter erreichen. Bei Lasius niger wurde eine maximale Lebensdauer von 29 Jahren nachgewiesen[3]. Ein Ameisenvolk ist also eine Anschaffung für Jahrzehnte.
Was passiert, wenn die Königin stirbt?
Bei monogynen Arten (nur eine Königin, wie Lasius niger) bedeutet der Tod der Königin das langsame Ende der Kolonie. Die Arbeiterinnen leben zwar weiter, aber es kommt kein Nachwuchs mehr nach. Bei polygynen Arten (mehrere Königinnen, wie Myrmica rubra) kann die Kolonie weiterbestehen, sofern noch andere Königinnen vorhanden sind.
Können Ameisen mich stechen?
Heimische Schuppenameisen wie Lasius oder Formica haben keinen Stachel mehr. Sie können beißen und Ameisensäure in die Wunde spritzen, was auf der Haut brennt, aber ungefährlich ist. Knotenameisen wie Myrmica rubra besitzen einen funktionstüchtigen Stachel. Ihr Stich ist vergleichbar mit dem Berühren einer Brennnessel und für Allergiker potenziell unangenehm, aber für gesunde Menschen harmlos[6].
Sind Ameisen intelligent?
Als Einzelwesen ist eine Ameise eingeschränkt, aber das Kollektiv zeigt eine bemerkenswerte „Schwarmintelligenz“. Sie finden kürzeste Wege, regulieren das Nestklima, betreiben Viehzucht (Blattläuse) und Pilzanbau. Manche Arten, wie die Sklavenhalterameise Polyergus rufescens, führen sogar strategische Raubzüge durch, um die Brut anderer Arten zu stehlen und als Arbeitskräfte zu nutzen[11].
Wie erkenne ich, ob meine Ameisen Winterruhe brauchen?
Heimische Arten bereiten sich physiologisch auf den Winter vor. Sie nehmen weniger Futter an, die Larvenentwicklung stoppt, und die Tiere drängen sich im Nest zusammen. Dieser endogene Rhythmus ist genetisch fixiert. Auch wenn Sie die Heizung aufdrehen, „wissen“ die Ameisen, dass es Zeit für die Pause ist.
Fazit
Die Haltung von Ameisen ist ein Fenster in eine fremde, faszinierende Welt. Sie erfordert Geduld, Beobachtungsgabe und ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur. Im Gegensatz zu einem Aquarium, das oft der Entspannung dient, bietet ein Formicarium ständige Dynamik: Vom ersten Ei der Königin bis zum Gewimmel einer tausendköpfigen Kolonie. Wenn Sie bereit sind, sich auf die Bedürfnisse dieser kleinen Architekten einzulassen, werden Sie mit Einblicken belohnt, die kein Tierfilm ersetzen kann. Starten Sie mit einer einfachen Art wie Lasius niger, bieten Sie ihnen ein artgerechtes Nest und beobachten Sie, wie aus einem einzelnen Reagenzglas ein blühender Staat entsteht.
Quellen und Referenzen
- Wikipedia, Artikel "Ameisen", abgerufen 2025.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU), "Ameisen - UmweltWissen Praxis", 2013.
- Dietrich, C. & Steiner, E., "Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick", Denisia 25, 2009.
- Haeder, S. et al., "Candicidin-producing Streptomyces support leaf-cutting ants...", PNAS, 2009 (zitiert in Behr's Verlag Dokumenten).
- Felke, M. & Karg, G., "Ameisen", in: Schädlingsbekämpfung, Behr's Verlag.
- Pospischil, R., "Die Rote Rasenameise", DpS 2/2011, Behr's Verlag.
- Stroh, K. et al., "Ameisen", Bayerisches Landesamt für Umwelt, 2013.
- Sellenschlo, U., "Pharaoameise (Monomorium pharaonis)", Behr's Verlag.
- Cremer, S. et al., "Social immunity in ants", Current Biology 17, 2007 (zitiert in Rundgespräche Forum Ökologie).
- Cremer, S., "Invasive Ameisen in Europa: Wie sie sich ausbreiten und die heimische Fauna verändern", Rundgespräche Forum Ökologie, Bd. 46, 2017.
- SWR2 Wissen, "Ameisen – Welteroberer und Wunderwesen", Gespräch mit Susanne Foitzik, 2021.
>
Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.