Wenn wir an Ameisen denken, haben wir meist kleine schwarze, braune oder rötliche Insekten vor Augen, die emsig durch unseren Garten krabbeln oder im Wald beeindruckende Hügel errichten. Doch die Welt der Myrmekologie (Ameisenkunde) hält weitaus exotischere Farben bereit. Die "Grüne Ameise" – oft ein Mythos, manchmal eine Verwechslung, aber in den Tropen eine faszinierende Realität – zieht Naturliebhaber weltweit in ihren Bann. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Biologie der echten grünen Ameisen (Weberameisen) ein, klären Verwechslungen mit heimischen gelblichen Arten auf und beleuchten die erstaunlichen Fähigkeiten dieser sozialen Insekten, die weit über ihre Farbgebung hinausgehen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Echte Grüne Ameisen: Die bekannteste Art ist die Grüne Weberameise (Oecophylla smaragdina), die in den Tropen Asiens und Australiens beheimatet ist.
- Meister der Architektur: Diese Ameisen weben Nester aus lebenden Blättern, indem sie ihre eigenen Larven als "lebende Klebepistolen" verwenden.
- Heimische "grüne" Arten: In Mitteleuropa gibt es keine knallgrünen Ameisen. Oft wird die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) aufgrund ihrer blassgelben Färbung fälschlicherweise so wahrgenommen.
- Biologische Schädlingsbekämpfung: Grüne Weberameisen werden seit Jahrhunderten gezielt eingesetzt, um Plantagen vor Schädlingen zu schützen.
- Essbare Insekten: In Teilen Asiens und Australiens gelten die Larven und Puppen der Grünen Ameise als Delikatesse mit zitrusartigem Geschmack.
Die Grüne Weberameise (Oecophylla smaragdina): Ein Juwel der Tropen
Die wohl bekannteste Vertreterin der grün gefärbten Ameisen ist die Grüne Weberameise, wissenschaftlich Oecophylla smaragdina. Sie gehört zur Unterfamilie der Schuppenameisen (Formicinae) und ist vor allem in Südostasien und Australien verbreitet[1]. Ihre Färbung variiert von einem blassen Gelbgrün bis zu einem leuchtenden Smaragdgrün, was ihr eine perfekte Tarnung im Laubwerk der Bäume verleiht.
Einzigartige Nestbautechnik
Das bemerkenswerteste Merkmal dieser Art ist nicht nur ihre Farbe, sondern ihre komplexe Art des Nestbaus. Weberameisen der Gattung Oecophylla konstruieren ihre Nester, indem sie lebende Blätter zusammenziehen und diese mit Seide verweben. Das Besondere daran ist, dass erwachsene Ameisen gar keine Spinndrüsen besitzen. Stattdessen nutzen sie ihre eigenen Larven als Werkzeug[1].
Arbeiterinnen halten die Larven sanft in ihren Kiefern und führen sie wie eine Tube Klebstoff an den Blatträndern entlang. Die Larven geben dabei einen feinen Seidenfaden ab, der die Blätter dauerhaft verbindet. Diese Nester sind oft freihängend und können faust- bis kopfballgroß werden[1]. Diese Form der Kooperation ist ein Paradebeispiel für die hochentwickelte Sozialstruktur in Ameisenstaaten.
Verbreitung und Lebensraum
Im Gegensatz zu unseren heimischen Arten, die oft im Boden oder in Totholz nisten, sind Grüne Weberameisen reine Baumbewohner (arboricol). Sie besiedeln offene, lichtreiche Habitate wie Waldränder oder Lichtungen im Primärwald, kommen aber auch häufig in Plantagen vor[2]. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über weite Teile der Tropen, wobei sie in Malaysia und anderen Teilen Südostasiens besonders häufig anzutreffen sind[2].
Verwechslungsgefahr: Die "grünen" Ameisen Deutschlands
In Mitteleuropa und speziell in Deutschland werden Gartenbesitzer oft stutzig, wenn sie gelbliche Ameisen entdecken und diese für "grüne Ameisen" halten. Tatsächlich gibt es in unserer heimischen Fauna keine Art, die ein echtes Grün als Pigmentierung aufweist. Meist handelt es sich hierbei um die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus).
Die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus)
Diese Art ist in landwirtschaftlich genutzten Gebieten und Gärten weit verbreitet. Sie ist ein typischer Kulturfolger und bevorzugt frischtrockene bis feuchte Graslandhabitate[3]. Die Arbeiterinnen sind bernsteingelb bis blassgelb gefärbt, was im Sonnenlicht oder im Kontrast zum dunklen Erdboden manchmal grünlich wirken kann.
Im Gegensatz zur tropischen Grünen Weberameise führt Lasius flavus eine sehr verborgene Lebensweise. Sie lebt fast ausschließlich unterirdisch und legt dort stabile Erdhügel an, die oft von Gras überwachsen sind[3]. Gartenbesitzer bemerken diese Art meist erst, wenn sie beim Rasenmähen oder Umgraben versehentlich ein Nest öffnen oder wenn die geflügelten Geschlechtstiere an warmen Sommertagen ausschwärmen.
Achtung Verwechslung!
Wenn Sie in Deutschland "grüne" oder gelbliche Ameisen im Haus finden, handelt es sich oft nicht um die harmlose Gelbe Wiesenameise, sondern möglicherweise um die Pharaoameise (Monomorium pharaonis). Diese ist ebenfalls bernsteingelb, aber deutlich kleiner (1,5 – 2,5 mm) und ein ernstzunehmender Hygiene- und Gesundheitsschädling, der Krankheiten übertragen kann[3]. Eine genaue Bestimmung durch einen Experten ist hier unerlässlich.
Ökologische Rolle: Nützlinge statt Schädlinge
Sowohl die tropischen Grünen Ameisen als auch unsere heimischen gelblichen Arten spielen eine entscheidende Rolle in ihren jeweiligen Ökosystemen. Ihr Einfluss auf die Bodenbeschaffenheit und die Pflanzengesundheit ist enorm.
Biologische Schädlingsbekämpfung durch Weberameisen
Die Grüne Weberameise (Oecophylla smaragdina) ist extrem territorial und aggressiv gegenüber Eindringlingen. Diese Eigenschaft macht sie zu einem der ältesten bekannten Nützlinge in der Landwirtschaft. Bereits vor Jahrhunderten wurden sie in China gezielt in Zitrusplantagen eingesetzt, um Schädlinge fernzuhalten[1]. Sie verteidigen "ihre" Bäume vehement gegen Fraßfeinde und schützen so die Ernte.
Auch in modernen ökologischen Anbausystemen in Südostasien wird ihre Präsenz geschätzt. Studien zeigen, dass Bäume, die von Weberameisen besiedelt sind, signifikant weniger Fraßschäden durch Herbivoren aufweisen als unbesiedelte Bäume[2]. Die Ameisen patrouillieren permanent auf der Blattoberfläche und entfernen fremde Partikel oder Insekteneier.
Bodenverbesserung durch heimische Ameisen
Unsere heimischen Ameisen, einschließlich der Gelben Wiesenameise, sind wahre Baumeister des Bodens. Durch den Bau ihrer Nester schichten sie jährlich tonnenweise Erdreich um. Die Gelbe Wiesenameise kann beispielsweise mehrere Tonnen Erdmasse pro Hektar und Jahr an die Oberfläche befördern[4].
Diese Tätigkeit sorgt für:
- Eine bessere Durchlüftung des Bodens.
- Eine Erhöhung der Wasserspeicherkapazität.
- Eine Anreicherung von Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor im Wurzelbereich von Pflanzen[3].
Auf steinigen Rohböden schaffen Ameisen oft erst die Voraussetzungen für die Ansiedlung höherer Pflanzen, indem sie Feinerde ansammeln und Humus bilden[3].
Ernährungsstrategien: Von Viehzucht und Jagd
Die Ernährungsgewohnheiten von Ameisen sind so vielfältig wie ihre Erscheinungsformen. Während einige Arten reine Jäger sind, betreiben andere eine Form der Landwirtschaft.
Trophobiose: Die Ameisen als Viehhalter
Ein faszinierendes Phänomen, das sowohl bei der Grünen Weberameise als auch bei der heimischen Gelben Wiesenameise zu beobachten ist, ist die Trophobiose. Dabei handelt es sich um eine Symbiose zwischen Ameisen und pflanzensaftsaugenden Insekten wie Blattläusen, Schildläusen oder Zikaden[4].
Die Ameisen "melken" die Läuse, um an den zuckerhaltigen Honigtau zu gelangen, den diese ausscheiden. Im Gegenzug beschützen die Ameisen ihre "Kühe" vor Fressfeinden wie Marienkäfern oder Schlupfwespen. Die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) hat diese Lebensweise perfektioniert: Sie hält Wurzelläuse direkt in ihren unterirdischen Nestern und ernährt sich fast ausschließlich von deren Honigtau, verzehrt die Läuse aber auch als Proteinquelle, wenn nötig[3].
Bei den Grünen Weberameisen findet diese Interaktion oberirdisch auf den Blättern statt. Sie nehmen die nährstoffreichen Ausscheidungen der Pflanzensauger auf und transportieren sie in ihrem sozialen Magen (Kropf) zurück ins Nest[2].
Wussten Sie schon?
Honigtau ist für viele Ameisenarten die wichtigste Kohlenhydratquelle. Er enthält neben Zucker auch Mineralstoffe, Vitamine und Aminosäuren[4]. Diese Energie ermöglicht es den Arbeiterinnen, ihre enormen körperlichen Leistungen beim Nestbau und der Nahrungssuche zu vollbringen.
Kommunikation und Orientierung
Ob grün, gelb oder schwarz – der Erfolg aller Ameisenarten basiert auf ihrer Fähigkeit zur Kommunikation. Da die meisten Ameisenarten in einer dunklen Welt leben (im Nest oder unter der Erde) oder nur schlecht sehen können, verlassen sie sich primär auf chemische Signale.
Die Sprache der Düfte
Ameisen sind "wandelnde Drüsenpakete". Sie produzieren eine Vielzahl von Pheromonen, um Informationen auszutauschen. Bekannt sind Spurpheromone, mit denen sie Wege zu Futterquellen markieren, oder Alarmpheromone, die bei Gefahr die Kolonie in Verteidigungsbereitschaft versetzen[5].
Besonders bei der Grünen Weberameise ist die chemische Kommunikation hochentwickelt, da sie komplexe Territorien in den Baumkronen dreidimensional koordinieren muss. Die Erkennung von Nestgenossen erfolgt über den spezifischen Nestgeruch, eine Mischung aus Kohlenwasserstoffen auf der Körperoberfläche (Kutikula)[4]. Dieser "chemische Ausweis" verhindert, dass fremde Ameisen in die Kolonie eindringen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Gibt es Grüne Ameisen in Deutschland?
Nein, es gibt in Deutschland keine Ameisenarten, die eine grüne Pigmentierung aufweisen. Wenn Sie grünlich schimmernde Ameisen sehen, handelt es sich meist um die Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus), deren bernsteingelbe Farbe je nach Lichteinfall variieren kann. Die echte Grüne Weberameise ist eine tropische Art.
Sind Grüne Ameisen gefährlich?
Die tropische Grüne Weberameise (Oecophylla smaragdina) ist sehr aggressiv und kann schmerzhaft beißen. Zudem verspritzt sie Ameisensäure in die Bisswunde, was das Brennen verstärkt. Für den Menschen ist dies unangenehm, aber in der Regel nicht gefährlich, sofern keine Allergie vorliegt. Unsere heimischen "gelben" Ameisen sind harmlos und stechen nicht, verteidigen sich aber bei Neststörung.
Kann man Grüne Ameisen essen?
Ja, in Ländern wie Thailand oder Australien werden die Larven und Puppen der Grünen Weberameise als Delikatesse geschätzt. Sie haben einen säuerlichen, zitrusartigen Geschmack, der durch die gespeicherte Ameisensäure entsteht. In Europa ist der Verzehr von Insekten jedoch noch eine Nische.
Warum bauen manche Ameisen Nester in Bäumen?
Das Leben in den Bäumen bietet Schutz vor Bodenräubern und Überschwemmungen. Zudem ermöglicht es den direkten Zugang zu Nahrungsquellen wie Blattläusen oder Nektarien in den Baumkronen. Die Grüne Weberameise hat sich durch ihre Webtechnik perfekt an diesen Lebensraum angepasst[2].
Was tue ich gegen gelbe Ameisen im Rasen?
Die Gelbe Wiesenameise wirft oft kleine Erdhügel im Rasen auf, die optisch stören können. Da diese Art jedoch ökologisch wertvoll ist und Wurzelläuse bekämpft, sollte sie toleriert werden. Das Einebnen der Hügel oder starkes Wässern kann die Ameisen vergrämen, ohne Gift einsetzen zu müssen[6].
Fazit
Die Welt der "Grünen Ameisen" ist ein faszinierendes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit der Natur. Während die tropische Oecophylla smaragdina durch ihre leuchtende Farbe und ihre Webkünste besticht, leisten ihre unscheinbareren, gelblichen Verwandten in unseren Breiten wichtige Arbeit im Verborgenen. Ob als Bodenverbesserer, Schädlingsbekämpfer oder Viehhalter von Blattläusen – Ameisen sind unverzichtbare Bestandteile eines gesunden Ökosystems.
Wenn Sie das nächste Mal eine hell gefärbte Ameise in Ihrem Garten entdecken, schauen Sie genauer hin. Es mag kein tropischer Exot sein, aber ein ebenso spannendes Lebewesen, das Respekt und Schutz verdient. Verzichten Sie im Garten auf unnötige Chemie und fördern Sie die Artenvielfalt – denn auch die kleinen "grünen" (oder gelben) Helfer tragen zu einem blühenden Garten bei.
Quellen und Referenzen
- Wikipedia, Ameisen - Systematik und Lebensweise, PDF-Auszug (Kapitel: Seidennest, Ökologische Auswirkungen).
- Fiala, B., Partnerschaften von Pflanzen und Ameisen: Ameisenbäume im malaysischen Regenwald, Biologie in unserer Zeit, 1991.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt, Ameisen: UmweltWissen – Praxis, 2013.
- Dietrich, C. & Steiner, E., Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick, Biologiezentrum Linz, 2009.
- Heeschen, W., Monitoring bei Ameisen, Behr's Verlag, Hamburg (Auszug aus Schädlingsbekämpfung).
- Bayerisches Landesamt für Umwelt, Ameisen im Garten: Vorbeugen und Vergrämen, 2013.
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