Ameisen gehören zu den faszinierendsten Lebewesen unseres Planeten. Sie sind die „heimlichen Herrscher“ der Erde, organisieren sich in hochkomplexen Staaten und erfüllen wichtige ökologische Funktionen. Doch so nützlich sie in der freien Natur als „Gesundheitspolizei“ und Bodenverbesserer sind, so problematisch können sie werden, wenn sie in menschliche Behausungen eindringen. Ein Befall durch Ameisen ist nicht nur lästig, sondern kann je nach Art massive Schäden an der Bausubstanz verursachen oder im Falle von hygienisch bedenklichen Arten wie der Pharaoameise sogar die Gesundheit gefährden. Die professionelle Bekämpfung durch einen Kammerjäger ist oft der einzige Weg, um langfristig Ruhe zu haben, da Hausmittel und frei verkäufliche Insektizide häufig an der komplexen Biologie dieser Insekten scheitern. In diesem Artikel erfahren Sie alles über die Hintergründe, Risiken und professionellen Lösungen bei Ameisenbefall.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Artenbestimmung ist essenziell: Nicht jede Ameise ist gleich. Während die Schwarzgraue Wegameise oft nur lästig ist, können Holzameisen Bausubstanz zerstören und Pharaoameisen Krankheiten übertragen.
- Gefahr durch falsche Bekämpfung: Bei bestimmten Arten (z. B. Pharaoameisen) führen herkömmliche Insektensprays zur sogenannten „Zweignestbildung“ (Budding), was den Befall verschlimmert.
- Der Superorganismus: Ameisenstaaten agieren als Einheit. Die Tötung einzelner Arbeiterinnen ist wirkungslos, solange die Königin lebt.
- Professionelle Köderverfahren: Kammerjäger nutzen das natürliche Futterverteilungsverhalten (Trophallaxis), um den Wirkstoff bis zur Königin zu transportieren.
- Gesundheitsrisiken: Bestimmte Arten können Keime wie Salmonellen oder Streptokokken in sterile Bereiche (z. B. Krankenhäuser, Küchen) tragen.
Warum Ameisen so schwer zu bekämpfen sind: Der Superorganismus
Um zu verstehen, warum ein Ameisenbefall oft so hartnäckig ist, muss man die biologische Struktur dieser Tiere betrachten. Ameisen sind eusoziale Insekten. Das bedeutet, sie leben in streng organisierten Staaten, in denen eine klare Arbeitsteilung herrscht. Ein Ameisenvolk besteht aus drei Kasten: den fertilen Weibchen (Königinnen), den Männchen (die meist nur kurzlebig für den Hochzeitsflug existieren) und der riesigen Masse an sterilen Arbeiterinnen[1].
Wenn Sie in Ihrer Küche Ameisen sehen, blicken Sie nur auf die Spitze des Eisbergs. Es handelt sich dabei ausschließlich um Arbeiterinnen, die für die Nahrungssuche zuständig sind. Das eigentliche Zentrum des Befalls, die Königin, sitzt gut geschützt tief im Nest. Die Tötung von sichtbaren Arbeiterinnen durch Sprays oder Hausmittel hat meist keinen Einfluss auf den Fortbestand der Kolonie, da die Königin Eier nachproduziert und der Verlust schnell ausgeglichen wird. Ein mittelgroßer Staat kann problemlos aus einer Million Arbeiterinnen bestehen[2].
Das Prinzip der Trophallaxis
Ein entscheidender Faktor für die professionelle Bekämpfung ist die sogenannte Trophallaxis. Ameisen besitzen einen Kropf, der auch als „sozialer Magen“ bezeichnet wird. Nahrung, die eine Arbeiterin aufnimmt, wird nicht sofort verdaut, sondern im Nest an andere Arbeiterinnen, die Larven und vor allem die Königin weitergegeben[3]. Professionelle Kammerjäger nutzen genau diesen Mechanismus: Sie setzen spezielle Fraßköder ein, die nicht sofort töten. Die Arbeiterin trägt den vergifteten Köder ins Nest und füttert damit die Königin. Nur so kann die Kolonie von innen heraus eliminiert werden.
Die häufigsten Problem-Ameisen in Deutschland
Eine erfolgreiche Bekämpfung beginnt immer mit der korrekten Identifikation der Art. In Deutschland kommen etwa 111 verschiedene Ameisenarten vor, von denen jedoch nur wenige als echte Schädlinge gelten[4]. Die Unterscheidung ist für Laien oft schwierig, aber für die Wahl der Bekämpfungsmethode entscheidend.
1. Die Schwarzgraue Wegameise (Lasius niger)
Dies ist die klassische „Gartenameise“, die oft Terrassen unterhöhlt und im Frühjahr auf der Suche nach Zucker in Häuser eindringt. Sie ist ein Kulturfolger und sehr anpassungsfähig. Ihre Nester liegen meist außerhalb des Hauses im Boden oder unter Steinen. Obwohl sie lästig ist, richtet sie selten massive Bauschäden an, kann aber durch das Betreuen von Blattläusen indirekt Kulturpflanzen schädigen[5].
2. Die Braune Wegameise (Lasius brunneus) – Der Materialschädling
Wesentlich problematischer ist die Braune Wegameise. Sie gilt als einer der wichtigsten holzzerstörenden Schädlinge in Gebäuden. Sie legt ihre Nester bevorzugt in morschem, aber auch in intaktem Holz an und höhlt Balken oder Dämmstoffe aus. Ein Befall bleibt oft lange unbemerkt, da die Tiere lichtscheu sind und ihre Laufwege oft in Spalten verlegen. Wenn im Frühsommer geflügelte Geschlechtstiere im Haus auftauchen, ist dies oft das erste Alarmzeichen für einen bereits fortgeschrittenen Befall in der Bausubstanz[6].
3. Die Pharaoameise (Monomorium pharaonis) – Der Gesundheitsschädling
Die Pharaoameise ist eine tropische Art, die in unseren Breiten nur in beheizten Gebäuden überleben kann (bevorzugt bei ca. 27 °C). Sie ist extrem klein (ca. 2 mm) und bernsteingelb. Diese Art ist besonders in Krankenhäusern, Bäckereien und Großküchen gefürchtet. Sie wird durch den Warenverkehr eingeschleppt und nistet in kleinsten Hohlräumen, sogar in medizinischen Geräten oder Steckdosen[7].
WARNUNG: Pharaoameisen niemals selbst sprühen!
Die Bekämpfung der Pharaoameise mit Kontaktinsektiziden (z. B. handelsüblichen Sprays) führt oft zur Katastrophe. Die Kolonien reagieren auf Stress mit sogenannter „Zweignestbildung“ (Budding). Das bedeutet, die Kolonie spaltet sich auf, und Königinnen wandern mit einem Teil der Arbeiterinnen in benachbarte Räume ab. Aus einem Befallsherd werden so innerhalb kürzester Zeit viele neue Nester im ganzen Gebäude[8].
4. Invasive Arten (z. B. Lasius neglectus)
In den letzten Jahren breiten sich auch invasive Arten wie die „Invasive Gartenameise“ (Lasius neglectus) in Europa aus. Diese Arten zeichnen sich durch die Bildung riesiger Superkolonien aus, bei denen sich benachbarte Nester nicht bekämpfen, sondern kooperieren. Dies führt zu einer extrem hohen Populationsdichte und der Verdrängung heimischer Arten[9].
Gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken
Ameisen sind weit mehr als nur ein optisches Ärgernis. Vor allem im gewerblichen Bereich und im Gesundheitswesen stellen sie ein ernstzunehmendes Risiko dar. Pharaoameisen sind Allesfresser, die sowohl zuckerhaltige Nahrung als auch Eiweiß (Fleisch, Blut, Eiter) bevorzugen. Sie können Krankheitserreger wie Salmonellen, Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus mechanisch übertragen. In Krankenhäusern wurden sie bereits unter Wundverbänden und in sterilen Verpackungen gefunden, was sie zu einem gefährlichen Vektor für Hospitalismus macht[10].
Im privaten Bereich steht oft der Materialschaden im Vordergrund. Holzzerstörende Arten wie Lasius brunneus oder die Rossameise (Camponotus ligniperda) können tragende Holzteile so stark aushöhlen, dass die Statik gefährdet ist. Da das Holz oft von innen nach außen gefressen wird, bleibt der Schaden lange unsichtbar. Eine Sanierung ist dann oft nur noch durch den Austausch der betroffenen Bauteile möglich[11].
Ablauf einer professionellen Ameisenbekämpfung
Die Beauftragung eines Kammerjägers folgt einem strukturierten Prozess, der weit über das bloße Auslegen von Köderdosen hinausgeht. Professionelle Schädlingsbekämpfer orientieren sich an wissenschaftlichen Standards und gesetzlichen Vorgaben.
Schritt 1: Inspektion und Bestimmung (Monitoring)
Der erste Schritt ist immer die Bestimmung der Ameisenart. Ein erfahrener Techniker kann oft schon vor Ort anhand der Größe, Farbe und des Verhaltens (z. B. Bildung von Straßen vs. diffuses Suchen) eine Ersteinschätzung vornehmen. Bei schwierigen Fällen werden Proben im Labor mikroskopisch untersucht. Wichtige Merkmale sind hierbei die Anzahl der Stielchenglieder (Knoten) zwischen Brust und Hinterleib oder die Form des Kopfes[12]. Auch bauliche Mängel, Feuchtigkeitsschäden und potenzielle Nahrungsquellen werden analysiert.
Schritt 2: Strategieentwicklung
Basierend auf der Art wird die Methode gewählt:
- Köderverfahren (Gel/Granulat): Die bevorzugte Methode für die meisten Arten. Der Wirkstoff muss attraktiv genug sein, um aufgenommen zu werden, aber langsam genug wirken, damit die Arbeiterin das Nest erreicht. Bei Pharaoameisen werden oft Köder auf Proteinbasis (Leber) oder Kohlenhydratbasis (Honig/Zucker) kombiniert, da sich die Nahrungspräferenzen ändern können[13].
- Barriereverfahren: Bei von außen eindringenden Wegameisen kann das Versprühen von Kontaktinsektiziden an den Eintrittspforten (Fensterrahmen, Türschwellen) sinnvoll sein, um eine Barriere zu schaffen.
- Direkte Nestbehandlung: Wenn das Nest lokalisiert werden kann (z. B. im Garten oder unter einer Platte), kann eine direkte Injektion oder das Gießen mit Insektiziden erfolgen.
Schritt 3: Nachkontrolle und Prävention
Eine einzelne Behandlung reicht oft nicht aus, besonders bei großen Kolonien oder Pharaoameisen, deren Bekämpfung sich über Wochen ziehen kann. Ein Monitoring nach der Tilgung stellt sicher, dass keine Restpopulationen überlebt haben. Zudem berät der Kammerjäger zu baulichen Maßnahmen (Abdichten von Fugen, Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden), um einen Neubefall zu verhindern.
Experten-Tipp: Die Bedeutung von Pheromonen
Ameisen kommunizieren chemisch. Sie markieren Wege zu Futterquellen mit Spurpheromonen. Selbst wenn Sie die Ameisenstraße wegwischen, können Reste des Duftstoffes neue Ameisen anlocken. Kammerjäger nutzen dieses Wissen, indem sie Köder direkt auf den etablierten Pheromonstraßen platzieren, was die Akzeptanz drastisch erhöht[14].
Prävention: Was Sie selbst tun können
Auch wenn die Bekämpfung in Profihände gehört, ist die Vorbeugung Sache des Hausbesitzers. Ameisen werden meist von zwei Dingen angezogen: Nahrung und optimalen Nistbedingungen (Wärme und Feuchtigkeit).
- Nahrungsmittel verschließen: Lagern Sie Vorräte, insbesondere Süßwaren und Proteine, in dicht schließenden Behältern (Glas, Metall, dicker Kunststoff).
- Abfälle sichern: Mülleimer sollten gut schließen und regelmäßig geleert werden. Tierfutter nicht offen stehen lassen.
- Bauliche Mängel beheben: Dichten Sie Ritzen und Spalten im Mauerwerk ab. Achten Sie besonders auf Fugen an Terrassentüren und Fenstern.
- Feuchtigkeit vermeiden: Reparieren Sie undichte Rohre und sorgen Sie für gute Belüftung. Feuchtes Holz ist ein Magnet für die Braune Wegameise.
- Pflanzenkontrolle: Blattläuse produzieren Honigtau, eine Hauptnahrungsquelle vieler Ameisenarten. Bekämpfen Sie Blattläuse an Zimmer- und Terrassenpflanzen, um den Ameisen die Nahrungsgrundlage zu entziehen[15].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind alle Ameisen schädlich?
Nein. Im Garten sind Ameisen sehr nützlich. Sie lockern den Boden auf, verbreiten Samen (Myrmecochorie) und vertilgen andere Schädlinge. Waldameisen stehen sogar unter strengem Naturschutz und dürfen nicht bekämpft werden. Eine Umsiedlung ist hier nur mit Genehmigung und durch Experten der Ameisenschutzwarte möglich[16].
Helfen Hausmittel wie Backpulver oder Kupfer?
Hausmittel haben meist nur eine vergrämende Wirkung oder töten einzelne Arbeiterinnen. Backpulver ist qualvoll für die Tiere und löst das Problem des Nests nicht. Duftstoffe wie Lavendel oder Zimt können Ameisen kurzzeitig umleiten, verhindern aber keinen Befall, wenn im Haus attraktive Nahrung lockt.
Wie lange dauert eine professionelle Bekämpfung?
Das hängt stark von der Art ab. Ein Befall mit Wegameisen ist oft nach 1-2 Behandlungen erledigt. Bei Pharaoameisen oder Holzameisen kann sich die Tilgung über mehrere Wochen oder Monate hinziehen, da sichergestellt werden muss, dass alle Teilnester und Königinnen erreicht wurden.
Sind die eingesetzten Mittel gefährlich für Haustiere?
Professionelle Ködergele werden meist punktuell an Stellen ausgebracht, die für Haustiere und Kinder schwer zugänglich sind (z. B. hinter Sockelleisten, in Ritzen). Die Wirkstoffkonzentration ist auf den Stoffwechsel von Insekten abgestimmt. Dennoch sollten Sicherheitsabstände eingehalten und die Anweisungen des Kammerjägers strikt befolgt werden.
Fazit
Ameisen sind faszinierende Baumeister und Überlebenskünstler, doch im Haus haben sie keinen Platz. Die Grenze zwischen einem harmlosen Besuch und einem ernsthaften Befall durch Material- oder Hygieneschädlinge ist oft fließend und für den Laien schwer zu erkennen. Besonders bei wiederkehrendem Befall, bei Sichtung von Ameisen in oberen Stockwerken oder bei Verdacht auf Pharaoameisen sollten Sie nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Kammerjäger verfügt über das notwendige Wissen zur Biologie der Tiere und Zugang zu Präparaten, die das Problem an der Wurzel – der Königin – packen, ohne Ihre Gesundheit oder die Bausubstanz unnötig zu gefährden.
Quellen und Referenzen
- Hölldobler, B. & Wilson, E.O. (1990): The Ants. Springer Verlag, Berlin. (Zitiert nach: Das Leben unserer Ameisen, S. 9)
- Felke, M. & Karg, G.: Ameisen. Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.1, S. 5)
- Dietrich, C. & Steiner, E. (2009): Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick. Denisia 25, S. 25.
- Seifert, B. (1996): Ameisen beobachten, bestimmen. Naturbuch Verlag, Augsburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.1, S. 17)
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (2013): Ameisen - UmweltWissen Praxis, S. 2.
- Buschinger, A. (1997): Ameisen abwehren, bekämpfen, vertreiben. Ameisenschutz aktuell 11. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.1, S. 31)
- Sellenschlo, U.: Pharaoameise (Monomorium pharaonis). Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.2, S. 3)
- Eichler, Wd. (1989): Zur Mittelanwendung in der Pharaoameisenbekämpfung. DpS 41. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.2, S. 6)
- Cremer, S. et al. (2008): The evolution of invasiveness in garden ants. PLOS ONE 3(12). (Zitiert nach: Invasive Ameisen in Europa, S. 114)
- Heeschen, W.: Monitoring bei Ameisen. Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 3.4, S. 1)
- Felke, M. & Karg, G.: Ameisen. Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.1, S. 27)
- Bretz, D. (1992): Ameisenschutz-Praxis. Ameisenschutz aktuell 6. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.1, S. 31)
- Sellenschlo, U.: Pharaoameise (Monomorium pharaonis). Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 1.6.2, S. 5)
- Heeschen, W.: Monitoring bei Ameisen. Behr's Verlag, Hamburg. (Zitiert nach: Behr's Verlag Dokument 3.4, S. 1)
- Dietrich, C. & Steiner, E. (2009): Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick. Denisia 25, S. 17.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (2013): Ameisen - UmweltWissen Praxis, S. 4.
>
Kommentare (0)
Schreibe einen Kommentar
Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.