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Superkolonie bei Ameisen: Phänomen und Auswirkungen
février 5, 2026 Patricia Titz

Superkolonie bei Ameisen: Phänomen und Auswirkungen

Stellen Sie sich eine Stadt vor, die sich von der italienischen Riviera bis an die spanische Atlantikküste erstreckt. Eine einzige, zusammenhängende Gemeinschaft, in der Milliarden von Individuen friedlich kooperieren, Ressourcen teilen und gemeinsam gegen äußere Feinde vorgehen. Was wie eine utopische menschliche Zivilisation klingt, ist in der Welt der Insekten längst Realität – allerdings mit bedrohlichen Folgen für das ökologische Gleichgewicht. Die Rede ist von sogenannten Superkolonien bei Ameisen. Dieses Phänomen, bei dem territoriale Grenzen fallen und riesige Netzwerke entstehen, ist einer der faszinierendsten und zugleich besorgniserregendsten Aspekte der modernen Myrmekologie (Ameisenkunde). Während die meisten heimischen Ameisenarten ihr Revier aggressiv gegen Artgenossen verteidigen, haben einige invasive Spezies eine Strategie entwickelt, die sie zu dominanten Eroberern macht: die absolute Kooperation. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Biologie dieser Superorganismen ein, beleuchten die Mechanismen ihrer Entstehung und zeigen auf, was dies für unsere heimische Fauna und Ihren Garten bedeutet.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Definition: Eine Superkolonie ist ein riesiger Verband von Ameisennestern, zwischen denen keine Aggression herrscht und Arbeiterinnen sowie Königinnen frei ausgetauscht werden[1].
  • Unikolonialität: Im Gegensatz zu multikolonialen heimischen Arten, die ihr Revier verteidigen, bilden invasive Arten oft unikoloniale Strukturen ohne innere Grenzen[2].
  • Ursachen: Genetische Verarmung (Flaschenhals-Effekt) bei der Einschleppung führt oft zum Verlust der Erkennung von "Fremden" innerhalb der Art, was die Kooperation fördert[1].
  • Beispiele: Bekannte Vertreter sind die Argentinische Ameise (Linepithema humile) und die Invasive Gartenameise (Lasius neglectus)[3].
  • Gefahren: Diese Arten verdrängen heimische Ameisen und andere Arthropoden massiv, was zu einem drastischen Rückgang der Biodiversität führt[4].
  • Bekämpfung: Die Bekämpfung ist äußerst schwierig, da klassische Kontaktinsektizide oft versagen; Köderstrategien und Prävention sind essenziell[5].

Was genau ist eine Superkolonie?

Um das Phänomen der Superkolonie zu verstehen, muss man zunächst das "normale" Verhalten von Ameisen betrachten. Die meisten uns bekannten heimischen Arten leben multikolonial. Das bedeutet, ein Waldstück oder eine Wiese ist in viele kleine Territorien aufgeteilt. Jedes Nest ist eine eigene Festung. Begegnet eine Ameise einer Artgenossin aus einem fremden Nest, wird diese sofort als Eindringling erkannt und bekämpft. Diese Territorialität reguliert die Populationsdichte natürlich, da viel Energie in die Verteidigung und Kriege zwischen den Nestern fließt[2].

Bei einer Superkolonie (Unikolonialität) ist dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt. Die einzelnen Nester sind nicht mehr isoliert, sondern fungieren wie Zimmer in einem riesigen Haus. Arbeiterinnen können Nahrung von einem Nest ins andere tragen, und Königinnen wandern frei zwischen den Standorten. Da die Energie für innerartliche Kämpfe gespart wird, können diese Kolonien extrem hohe Individuendichten erreichen und alle anderen Konkurrenten durch schiere Masse überwältigen[1].

Wissenswertes: Die größte Kolonie der Welt

Die Argentinische Ameise (Linepithema humile) hat die wohl größte bekannte Superkolonie gebildet. Sie erstreckt sich über 6.000 Kilometer entlang der südeuropäischen Küste von Italien über Frankreich bis nach Spanien. Eine Ameise aus San Remo würde eine Ameise aus Galicien nicht als Feind, sondern als Schwester akzeptieren[6].

Wie entstehen Superkolonien? Die Biologie dahinter

Die Entstehung von Superkolonien ist oft eng mit der Einschleppung von Arten in neue Gebiete verbunden (biologische Invasionen). Wissenschaftler haben herausgefunden, dass viele invasive Arten in ihrer ursprünglichen Heimat durchaus territorial sind und keine Superkolonien bilden. Erst im neuen Lebensraum ändern sie ihr Verhalten. Doch warum?

Der genetische Flaschenhals

Wenn eine Art verschleppt wird, geschieht dies oft durch nur wenige Individuen – vielleicht eine einzelne Pflanze mit Erde, in der eine kleine Kolonie oder nur wenige Königinnen leben. Diese kleine Gruppe trägt nur einen Bruchteil der genetischen Vielfalt der Ursprungspopulation in sich. Man spricht von einem "genetischen Flaschenhals" (Genetic Bottleneck)[1].

Ameisen erkennen sich gegenseitig am Geruch, genauer gesagt an Kohlenwasserstoffen auf ihrer Kutikula (dem Außenpanzer). Durch die genetische Verarmung riechen im neuen Gebiet plötzlich alle Nester fast gleich. Die feinen chemischen Unterschiede, die im Ursprungsland zur Unterscheidung von Freund und Feind dienten, gehen verloren oder werden zu ähnlich, um erkannt zu werden. Das Resultat ist ein "erfolgreicher Fehler": Weil sie sich nicht mehr als fremd erkennen, hören sie auf zu kämpfen und beginnen zu kooperieren[2].

Veränderte Fortpflanzungsstrategien

Ein weiteres Merkmal invasiver Superkolonie-Bildner ist ihre Fortpflanzung. Heimische Arten führen oft einen Hochzeitsflug durch, bei dem Königinnen und Männchen in die Luft aufsteigen, sich paaren und weit verbreiten. Invasive Arten wie die Invasive Gartenameise (Lasius neglectus) verzichten oft auf diesen riskanten Flug. Die Paarung findet sicher im oder direkt am Nest statt (intranidale Paarung)[1]. Die begatteten Königinnen fliegen nicht weg, sondern laufen zu Fuß weiter und gründen in unmittelbarer Nähe neue Zweignester. Dies führt zu einer extremen Verdichtung der Population auf engem Raum (Budding oder Nestspaltung)[3].

Gefährliche Invasoren: Beispiele aus Europa

Während Südeuropa schon länger mit invasiven Ameisen kämpft, galt Mitteleuropa lange als zu kalt. Doch durch den Klimawandel und den globalen Handel ändert sich dies. Arten, die eigentlich wärmere Klimate bevorzugen, finden in unseren Städten, Parks und Gärten (durch den städtischen Wärmeinseleffekt) neue Heimat.

Lasius neglectus – Die Invasive Gartenameise

Diese Art wurde erst 1990 in Budapest als eigenständige Art beschrieben, war aber schon länger unerkannt präsent, da sie der heimischen Schwarzen Wegameise (Lasius niger) zum Verwechseln ähnlich sieht[3]. Sie ist etwas kleiner, blasser und hat weniger Haare auf den Fühlern. Ihre Ausbreitung erfolgt fast ausschließlich über den Transport von Erde und Topfpflanzen bei Bauarbeiten oder Gartengestaltungen. Einmal etabliert, bildet sie riesige Superkolonien. In einem Befallsgebiet in Spanien wurden beispielsweise 35 Königinnen pro Nest gefunden, während heimische Arten meist nur eine haben[1].

Linepithema humile – Die Argentinische Ameise

Sie ist der Klassiker unter den invasiven Ameisen. Ursprünglich aus Südamerika stammend, hat sie weltweit mediterrane Klimazonen erobert. Ihre Aggressivität gegenüber anderen Ameisenarten ist legendär, während sie innerhalb ihrer eigenen riesigen Superkolonien absolut friedlich ist. In Europa verdrängt sie fast alle heimischen Ameisenarten in den von ihr besiedelten Gebieten[6].

Formica fuscocinerea – Die Schuppenameise

Auch eine in Süddeutschland heimische Art zeigt invasive Tendenzen. Die Schuppenameise (Formica fuscocinerea) breitet sich entlang von Flussläufen wie der Isar aus und dringt als Pionierart auf Spielplätze und in Parks vor. Auch sie bildet polygyne (viele Königinnen) und polydome (viele Nester) Strukturen, die zu einer extremen Dominanz führen können[7].

Die Auswirkungen auf Ökosystem und Mensch

Das Auftreten von Superkolonien ist selten eine gute Nachricht für die betroffene Umgebung. Die schiere Masse der Ameisen führt zu einer Verschiebung des ökologischen Gleichgewichts.

Verlust der Biodiversität

Invasive Ameisen sind extrem effiziente Jäger und Sammler. Durch ihre hohe Zahl monopolisieren sie Nahrungsquellen. In Gebieten, die von Lasius neglectus besiedelt wurden, konnte ein dramatischer Rückgang heimischer Ameisenarten beobachtet werden. In einem Park in Budapest sank die Zahl der heimischen Arten nach der Invasion von 17 auf nahezu null[4]. Auch andere Arthropoden wie Spinnen oder Käfer werden verdrängt, was wiederum Auswirkungen auf Vögel und andere Insektenfresser hat.

Symbiose mit Blattläusen

Viele invasive Ameisenarten, insbesondere Lasius neglectus, sind extrem effizient im "Melken" von Blattläusen. Sie beschützen diese Pflanzenschädlinge vor Fressfeinden (wie Marienkäfern) noch aggressiver als heimische Ameisen. Dies führt zu einer Massenvermehrung von Blattläusen, was wiederum Bäume und Gartenpflanzen stark schädigen kann. Der Honigtau, den die Läuse ausscheiden, ist der "Treibstoff" für die riesigen Ameisenarmeen[4].

Probleme im Haus und Garten

Für den Menschen werden diese Ameisen oft zur Plage, weil sie in massiven Mengen auftreten. Wenn Tausende von Arbeiterinnen in ein Haus eindringen, ist das nicht nur lästig, sondern kann auch hygienische Probleme verursachen. Einige Arten dringen in elektrische Geräte ein und verursachen Kurzschlüsse. Andere, wie die Pharaoameise (die ebenfalls polygyne Strukturen bildet), können in Krankenhäusern Keime übertragen[5].

Praxis-Tipp: Erkennung im Garten

Wie erkennen Sie, ob Sie es mit einer "normalen" Ameise oder einer invasiven Superkolonie (z.B. Lasius neglectus) zu tun haben?

  • Masse: Wenn Ameisenstraßen nicht nur einzelne Linien sind, sondern breite "Autobahnen" und ganze Baumstämme bedecken[8].
  • Jahreszeit: Wenn die Aktivität auch bei kühleren Temperaturen im Frühjahr oder Spätherbst extrem hoch ist.
  • Totholz: Wenn sie nicht nur im Boden, sondern massiv in Steckdosen, Zwischendecken oder Blumentöpfen nisten.
  • Verhalten: Wenn Sie keine Kämpfe zwischen benachbarten Nestern beobachten können.

Herausforderungen bei der Bekämpfung

Die Bekämpfung von Superkolonien ist eine der größten Herausforderungen in der Schädlingsbekämpfung. Warum ist das so?

  1. Polygynie (Viele Königinnen): Tötet man eine Königin, hat das kaum Auswirkungen. In einem Nest von Lasius neglectus können hunderte Königinnen leben. Die Kolonie regeneriert sich rasend schnell[1].
  2. Polydomie (Viele Nester): Die Nester sind vernetzt. Bekämpft man ein Nest, ziehen die Ameisen einfach in ein benachbartes Zweignest um oder spalten sich auf[2].
  3. Versteckte Lebensweise: Viele invasive Arten nisten in unzugänglichen Bereichen (unter Terrassen, in der Wanddämmung), wo Sprays nicht hinkommen.

Klassische Insektizide ("Die chemische Keule") führen oft nur zu einer Zersplitterung der Kolonie (Budding), was das Problem langfristig verschlimmern kann. Effektiver sind langsam wirkende Fraßköder, die von den Arbeiterinnen in das Nest getragen und an die Königinnen verfüttert werden. Doch auch hier ist Geduld gefragt, da die schiere Masse an Ameisen eine große Menge an Wirkstoff erfordert[4].

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Superkolonien gefährlich für den Menschen?

Die meisten in Europa vorkommenden Superkolonie-bildenden Arten (wie Lasius neglectus) sind für den Menschen nicht direkt gefährlich (keine giftigen Stiche wie bei Feuerameisen), aber extrem lästig und hygienisch bedenklich, wenn sie Häuser befallen. In den USA und Australien stellen Feuerameisen (Solenopsis invicta) jedoch ein echtes Gesundheitsrisiko dar[4].

Kann ich eine Superkolonie im Garten selbst entfernen?

Bei etablierten Superkolonien ist eine vollständige Ausrottung für Laien fast unmöglich. Sie können die Population eindämmen, aber oft ist professionelle Hilfe durch Schädlingsbekämpfer nötig, die Zugang zu speziellen Ködergelen haben. Wichtig ist, keine Erde oder Pflanzen aus dem befallenen Gebiet zu verschleppen[3].

Helfen Hausmittel wie Backpulver?

Bei Superkolonien sind Hausmittel wirkungslos. Die Populationsdichte ist so hoch, dass lokale Maßnahmen verpuffen. Es bedarf systemischer Bekämpfungsmethoden, die die Königinnen erreichen[5].

Warum bekämpfen sich Ameisen in Superkolonien nicht?

Aufgrund eines genetischen Flaschenhalses bei der Einschleppung sind sich die Tiere genetisch und chemisch so ähnlich, dass sie sich alle als "Verwandte" riechen. Die natürliche Aggression gegenüber Fremden fehlt, was die Bildung riesiger Netzwerke ermöglicht[2].

Fazit

Das Phänomen der Superkolonien bei Ameisen ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie kleine Veränderungen in der Biologie – wie der Verlust genetischer Vielfalt – zu massiven ökologischen Verschiebungen führen können. Invasiven Ameisen gelingt es durch Kooperation statt Konkurrenz, ganze Ökosysteme zu dominieren. Für uns Menschen bedeutet dies, dass wir beim globalen Handel mit Pflanzen und Erde vorsichtiger sein müssen, um nicht ungewollt blinde Passagiere einzuschleppen, die sich zu einer unaufhaltsamen Macht entwickeln. Wenn Sie den Verdacht haben, eine solche Art in Ihrem Garten zu haben (z.B. durch extreme Massenauftreten), ist schnelles Handeln und oft professionelle Beratung ratsam, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.

Quellen und Referenzen

  1. Cremer, S. et al.: The evolution of invasiveness in garden ants. PLOS ONE, 3(12): e3838, 2008.
  2. Ugelvig, L. V. et al.: The introduction history of invasive garden ants in Europe. BioMed Central Biology, 6: 11, 2008.
  3. Espadaler, X. & Bernal, V.: LASIUS Web. CREAF, Universitat Autònoma de Barcelona, 2017.
  4. Kegel, B.: Die Ameise als Tramp: Von biologischen Invasionen. Heyne, München, 2001.
  5. Behr's Verlag: Monitoring und Bekämpfung bei Ameisen (Dokument 3.4 und 1.6.1), Hamburg.
  6. Giraud, T. et al.: Evolution of supercolonies: The Argentine ants of southern Europe. PNAS, 99(9), 2002.
  7. Seifert, B.: Die Ameisen Mittel- und Nordeuropas. Lutra Verlag, 2007.
  8. Cremer, S.: Invasive Ameisen in Europa. Rundgespräche Forum Ökologie, Bd. 46, S. 105-116, 2017.

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