Es beginnt oft mit einer einzelnen Ameise, die scheinbar ziellos über die Küchenanrichte krabbelt. Doch was wie ein harmloser Besucher aussieht, ist oft nur der Kundschafter für eine ganze Kolonie. Ameisen sind faszinierende Wesen mit einem hochkomplexen Sozialstaat, doch in unseren Wohnräumen oder auf der Terrasse sind sie meist unerwünschte Gäste. Viele Menschen greifen reflexartig zur chemischen Keule, doch das ist oft weder notwendig noch nachhaltig. Die Natur bietet eine Fülle an Mitteln, die Ameisen schlichtweg nicht ausstehen können. Indem wir uns die feine Sinneswahrnehmung dieser Insekten zunutze machen, können wir sie effektiv vertreiben, ohne ihnen oder der Umwelt zu schaden. In diesem Artikel erfahren Sie fundiert, was Ameisen meiden, wie ihre Kommunikation funktioniert und welche natürlichen Barrieren wirklich helfen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Geruchssinn als Schwachstelle: Ameisen kommunizieren über Pheromone. Starke Düfte wie Lavendel, Essig oder ätherische Öle stören diese Kommunikation empfindlich.
- Natürliche Barrieren: Substanzen wie Kreide, Urgesteinsmehl oder Kieselgur wirken physikalisch und halten Ameisen davon ab, Grenzen zu überschreiten.
- Nahrungsquellen entziehen: Die Symbiose mit Blattläusen (Honigtau) ist oft der Grund für Ameisen im Garten. Die Bekämpfung der Läuse vertreibt oft auch die Ameisen.
- Artbestimmung ist wichtig: Während Hausmittel gegen die Schwarzgraue Wegameise wirken, sind sie bei der gefährlichen Pharaoameise oft kontraproduktiv.
- Biologische Helfer: Nematoden sind mikroskopisch kleine Fadenwürmer, die als natürliches Bekämpfungsmittel im Boden eingesetzt werden können.
Warum Ameisen kommen: Die Macht der Pheromone
Um zu verstehen, was Ameisen nicht mögen, muss man zunächst begreifen, was sie antreibt. Ameisen sind praktisch "wandelnde Drüsenpakete". Sie besitzen ein extrem hochentwickeltes chemisches Kommunikationssystem, das wahrscheinlich komplexer ist als das der meisten anderen Tiere[1]. Diese Kommunikation erfolgt über Botenstoffe, sogenannte Pheromone. Wenn eine Kundschafter-Ameise eine Nahrungsquelle findet, markiert sie den Rückweg zum Nest mit einer Duftspur. Andere Arbeiterinnen folgen dieser Spur, verstärken sie durch eigene Pheromone, und so entsteht innerhalb kürzester Zeit eine stark frequentierte Ameisenstraße.
Die Fühler (Antennen) sind dabei das wichtigste Sinnesorgan. Sie sind nicht nur Taster, sondern hochempfindliche "Nasen", die Gerüche, Pheromone, Temperatur und Luftströmungen wahrnehmen können. Bei der Schwarzgrauen Wegameise (Lasius niger) enthält die Fühlergeißel etwa 5.000 Sinneszellen[2]. Genau hier setzen natürliche Abwehrmittel an: Sie zielen darauf ab, diesen feinen Geruchssinn zu überreizen oder die Pheromonspuren zu überdecken, sodass die Ameisen die Orientierung verlieren.
Experten-Tipp: Beobachten Sie zunächst, woher die Ameisen kommen. Da Ameisenstraßen durch Pheromone markiert sind, reicht es oft nicht, nur die sichtbaren Ameisen zu entfernen. Die unsichtbare Duftspur muss unterbrochen werden.
Düfte, die Ameisen hassen: Die besten Hausmittel
Da Ameisen sich primär olfaktorisch (über den Geruchssinn) orientieren, sind sie extrem empfindlich gegenüber starken, ätherischen Düften. Was für uns Menschen oft angenehm oder würzig riecht, ist für Ameisen ein unerträglicher Gestank, der ihre Kommunikation stört. Das Bayerische Landesamt für Umwelt empfiehlt eine Reihe von Substanzen zur Vergrämung[3].
1. Ätherische Öle und Kräuter
Hochkonzentrierte ätherische Öle sind besonders effektiv. Sie legen sich wie ein Nebel über die Pheromonspur der Ameisen. Folgende Düfte haben sich als besonders wirksam erwiesen:
- Lavendel: Der intensive Duft von Lavendelblüten oder Lavendelöl wirkt abschreckend.
- Eukalyptus und Teebaumöl: Diese stark riechenden Öle sind für Ameisen sehr unangenehm. Für einige Arten können Eukalyptus-Öle sogar giftig wirken[3].
- Majoran, Kerbel und Thymian: Auch getrocknete Kräuterbüschel können Barrieren bilden.
- Zimt und Gewürznelken: Das in Zimt enthaltene Zimtaldehyd wirkt als Repellent. Streuen Sie Zimtpulver oder legen Sie ganze Nelken auf die Laufwege.
2. Essig und Zitrusfrüchte
Säuren sind natürliche Feinde der Ameisenspur. Essigessenz oder Zitronensaftkonzentrat überdecken nicht nur den Pheromondurft, sondern greifen auch die Orientierung der Tiere an. Das Wischen der Böden mit Essigwasser ist eine der ersten Maßnahmen, die bei einem Befall im Haus ergriffen werden sollten. Auch ausgelegte Zitronenschalen können eine lokale Barrierewirkung entfalten[3].
3. Pflanzenjauchen und Öle
Im Gartenbereich können auch kräftigere Gerüche eingesetzt werden. Jauchen aus Wermut oder Rainfarn werden traditionell zur Insektenabwehr genutzt. Ein spezieller Tipp ist das Öl aus grünen Tomatenstauden, welches ebenfalls eine vergrämende Wirkung zeigt[3].
Physikalische Barrieren: Bis hierhin und nicht weiter
Wenn Gerüche allein nicht ausreichen oder verfliegen, helfen physikalische Barrieren. Ameisen mögen keine Untergründe, die ihre Fortbewegung erschweren oder ihren Körper austrocknen.
Kalk, Kreide und Babypuder
Ein dicker Kreidestrich oder eine Linie aus Gartenkalk kann für Ameisen ein Hindernis darstellen. Die feinen Partikel verkleben die Atemöffnungen (Tracheen) und Fühler, weshalb die Tiere solche Substanzen oft meiden. Diese Methode muss jedoch regelmäßig erneuert werden, besonders im Außenbereich.
Diatomeenerde (Kieselgur)
Kieselgur, auch Diatomeenerde genannt, ist ein feines Pulver aus den Schalen fossiler Kieselalgen. Es wirkt rein mechanisch und biophysikalisch. Wenn Ameisen über das Pulver laufen, beschädigen die scharfkantigen mikroskopischen Partikel die schützende Wachsschicht ihres Chitinpanzers. Dies führt dazu, dass die Insekten austrocknen. Kieselgur ist für Menschen und Haustiere ungiftig, sollte aber nicht eingeatmet werden. Es eignet sich hervorragend, um Ritzen und Spalten zu behandeln[4].
Wassergräben und Leimringe
Für Pflanzenkübel oder einzelne Tische (z.B. auf der Terrasse) ist Wasser eine unüberwindbare Barriere. Stellen Sie die Füße der Gartenmöbel in Schalen mit Wasser. An Bäumen verhindern Leimringe, dass Ameisen hinaufklettern, um Blattläuse zu pflegen. Diese physische Barriere unterbricht die Versorgungslinie der Kolonie[4].
Die Ursache bekämpfen: Trophobiose und Blattläuse
Warum sind Ameisen so oft auf unseren Pflanzen zu finden? Meistens sind sie nicht primär an der Pflanze selbst interessiert, sondern an den dort lebenden Pflanzensaftsaugern, wie Blattläusen, Schildläusen oder Zikaden. Diese scheiden zuckerhaltigen Honigtau aus, der für Ameisen eine Hauptnahrungsquelle darstellt. Diese Beziehung nennt man Trophobiose[2].
Ameisen "melken" die Blattläuse regelrecht und verteidigen sie sogar gegen Fressfeinde wie Marienkäferlarven. Bei der Braunen Wegameise (Lasius brunneus) und der Gelben Wegameise (Lasius flavus) spielt die Aufnahme von Honigtau eine zentrale Rolle in der Ernährung[2].
Tipp für Gärtner: Wenn Sie Ameisen an Ihren Rosen oder Obstbäumen sehen, suchen Sie nach Blattläusen. Entfernen Sie die Blattläuse (z.B. mit einem Wasserstrahl oder Schmierseifenlösung), entziehen Sie den Ameisen die Nahrungsgrundlage. Ohne den süßen Honigtau wird die Pflanze für die Ameisen uninteressant[3].
Biologische Kriegsführung: Nematoden
Eine sehr elegante und rein biologische Methode, Ameisen aus dem Rasen oder Hochbeet zu vertreiben, ist der Einsatz von Nematoden (Fadenwürmern). Diese mikroskopisch kleinen Würmer (Steinernema feltiae) sind natürliche Feinde vieler Insektenlarven.
Interessanterweise töten die Nematoden die erwachsenen Ameisen oft gar nicht direkt. Ameisen sind jedoch sehr reinliche Tiere und erkennen die Anwesenheit der Parasiten. Sie empfinden die Nematoden als Bedrohung für ihre Brut und die Königin. Die Folge: Das gesamte Volk ergreift die Flucht und siedelt um. Diese Methode ist besonders umweltfreundlich, da keine Giftstoffe in den Boden gelangen und sie für Pflanzen, Menschen und Haustiere völlig unbedenklich ist[4].
Wann Hausmittel nicht mehr reichen: Problemfälle
Während die gewöhnliche Schwarzgraue Wegameise (Lasius niger) meist nur ein Lästling ist, gibt es Ameisenarten, bei denen Hausmittel an ihre Grenzen stoßen. Ein klassisches Beispiel ist die Pharaoameise (Monomorium pharaonis). Diese winzige, bernsteinfarbene Ameise ist ein ernstzunehmender Hygieneschädling, der Krankheiten übertragen kann[5].
Warnung: Vorsicht bei Pharaoameisen!
Bei Pharaoameisen dürfen keine herkömmlichen Kontaktinsektizide oder stark riechenden Hausmittel eingesetzt werden! Diese Art reagiert auf Stress mit sogenannter "Zweignestbildung" (Budding). Wird die Kolonie bedroht, spalten sich Teile ab und gründen sofort neue Satellitennester in der ganzen Wohnung. Das Problem vervielfacht sich dadurch rasch. Hier müssen spezielle Fraßköder verwendet werden, die langsam wirken und ins Nest getragen werden[1].
Auch holzzerstörende Arten wie die Rossameise (Camponotus ligniperda) oder die Braune Wegameise (Lasius brunneus) können Bausubstanz schädigen. Sie nisten oft in morschem, aber auch in intaktem Holz und höhlen Balken aus. Da die Nester oft versteckt liegen, ist eine reine Vergrämung mit Düften hier meist wirkungslos, da die Tiere im Inneren des Holzes geschützt sind[2].
Prävention: So machen Sie Ihr Haus unattraktiv
Der beste Schutz gegen Ameisen ist, sie gar nicht erst anzulocken. Ameisen sind ständig auf der Suche nach Kohlenhydraten (Zucker) und Proteinen.
- Nahrungsmittel verschließen: Lagern Sie Zucker, Honig, Marmelade und andere Süßigkeiten in luftdicht verschlossenen Gefäßen (Glas oder fester Kunststoff).
- Tierfutter nicht stehen lassen: Reste von Katzen- oder Hundefutter sind wahre Ameisenmagneten. Reinigen Sie die Näpfe sofort nach der Fütterung.
- Mülleimer abdichten: Bioabfälle sollten in gut verschließbaren Behältern gesammelt und täglich entleert werden.
- Bauliche Mängel beheben: Dichten Sie Fugen, Ritzen an Fenstern und Türen sowie Wanddurchbrüche mit Silikon oder Gips ab[3].
- Trockene Umgebung: Einige Arten, wie die Braune Wegameise, bevorzugen feuchtes Holz. Reparieren Sie undichte Rohre und vermeiden Sie Feuchtigkeitsschäden im Gebälk[2].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hilft Backpulver wirklich gegen Ameisen?
Backpulver (in Verbindung mit Zucker) ist ein altes Hausmittel. Die Ameisen fressen es, und das Backtriebmittel bläht sich in ihrem Magen auf, was zum Tod führt. Aus Tierschutzgründen ist diese Methode jedoch umstritten, da sie einen qualvollen Tod bedeutet. Zudem meiden viele Ameisen Backpulver instinktiv. Vergrämungsmittel wie Lavendelöl oder Kieselgur sind vorzuziehen.
Warum kommen Ameisen jedes Jahr wieder?
Ameisenstaaten sind extrem langlebig. Eine Königin der Schwarzgrauen Wegameise (Lasius niger) kann bis zu 29 Jahre alt werden[6]. Solange die Königin lebt und das Nest intakt ist, wird die Kolonie jedes Frühjahr erneut aktiv. Nur die Beseitigung des Nestes oder der Königin löst das Problem dauerhaft.
Sind Ameisen im Garten schädlich?
Meistens nicht. Im Gegenteil: Ameisen erfüllen wichtige ökologische Funktionen. Sie lockern den Boden auf (oft effizienter als Regenwürmer), verbreiten Pflanzensamen (Myrmecochorie) und vertilgen als "Gesundheitspolizei" Aas und andere Insekten[2][7]. Problematisch sind sie meist nur, wenn sie Blattläuse an Kulturpflanzen schützen oder Terrassen unterhöhlen.
Was tun, wenn fliegende Ameisen auftreten?
Fliegende Ameisen sind keine eigene Art, sondern geschlechtsreife Männchen und Jungköniginnen auf dem "Hochzeitsflug". Dies geschieht meist an schwülen Hochsommertagen. Das Phänomen dauert nur wenige Stunden bis Tage. Öffnen Sie die Fenster, damit die Tiere abfliegen können – sie wollen nicht im Haus bleiben, sondern suchen Partner im Freien[6].
Fazit
Ameisen sind bewundernswerte Tiere, die in der Natur unverzichtbar sind. In unseren vier Wänden haben sie jedoch nichts verloren. Glücklicherweise müssen wir nicht sofort zu starken Giften greifen. Da Ameisen extrem geruchsempfindlich sind, lassen sie sich oft schon mit einfachen Mitteln wie Lavendelöl, Essig oder Zimt umlenken. Physikalische Barrieren wie Kieselgur oder Kreide unterstützen diese Maßnahmen.
Wichtig ist, das Problem an der Wurzel zu packen: Entfernen Sie Nahrungsquellen, dichten Sie Zugänge ab und bekämpfen Sie Blattläuse im Garten. Sollten Sie es jedoch mit hartnäckigen Holzschädlingen oder Pharaoameisen zu tun haben, ist professionelle Hilfe oder der Einsatz spezifischer Köder unumgänglich. Mit Respekt vor der Biologie dieser Insekten und dem richtigen Wissen lassen sich Mensch und Ameise meist friedlich voneinander abgrenzen.
Quellen und Referenzen
- Heeschen, W.: Monitoring bei Ameisen. Behr's Verlag, Hamburg.
- Felke, M. / Karg, G.: Ameisen - Biologie und Artenportraits. Behr's Verlag, Hamburg.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: UmweltWissen - Praxis: Ameisen. 2013.
- Produktübersicht: Welches Ameisenmittel passt zu deinem Fall? (Interne Produktinformation).
- Sellenschlo, U.: Pharaoameise (Monomorium pharaonis). In: Felke/Karg, Ameisen. Behr's Verlag.
- Dietrich, C. & Steiner, E.: Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick. Denisia 25, 2009.
- Fiala, B.: Partnerschaften von Pflanzen und Ameisen. Biologie in unserer Zeit, 21. Jahrg. 1991 / Nr. 5.
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