Die Familie *Tineidae* wurde im Jahr 1810 erstmals durch den französischen Entomologen Pierre André Latreille wissenschaftlich beschrieben.[3] Im deutschsprachigen Raum wird das Taxon als „Echte Motten“ bezeichnet.[2] International sind zudem die Trivialnamen „fungus moths“ oder „tineid moths“ gebräuchlich, was auf die Ernährungsgewohnheiten vieler Larven an Pilzgewebe und Detritus hinweist.[1] Systematisch gehört die Familie zur Überfamilie *Tineoidea* und repräsentiert eine der basalsten noch existierenden Linien der Ditrysia innerhalb der Ordnung *Lepidoptera*.[3] Historische Klassifikationen fassten die Gruppe deutlich weiter und schlossen ursprünglich oft die Sackträger (*Psychidae*) ein, bevor diese im 19. und 20. Jahrhundert aufgrund morphologischer Unterschiede in Flügeladerung und Genitalien als eigenständige Familie abgetrennt wurden. Maßgebliche taxonomische Revisionen erfolgten unter anderem durch Lord Walsingham (1881) und J.D. Bradley, welche die Gattungsgrenzen durch detaillierte Analysen präzisierten.[3] Neuere molekularphylogenetische Studien, wie jene von Regier et al. (2015), bestätigten weitgehend die Monophylie der *Tineidae*, führten jedoch zur Ausgliederung der ehemaligen Unterfamilien Dryadaulinae und Meessiinae in den Familienrang.[3] Die interne Gliederung umfasst heute etwa 15 Unterfamilien wie Tineinae und Erechthiinae, wobei zahlreiche Gattungen aufgrund unzureichender phylogenetischer Auflösung noch als *incertae sedis* geführt werden.[3][2]
Adulte *Tineidae* sind kleine bis mittelgroße Motten mit einer Flügelspannweite von typischerweise 6 bis 20 mm, wobei einige Arten bis zu 3,6 cm erreichen. Die schmalen, länglichen Flügel sind oft mit langen Haaren gesäumt und werden in Ruheposition dachartig über dem Körper gehalten. Ihre Grundfärbung ist meist unscheinbar in Grau-, Braun- oder Beigetönen gehalten, gelegentlich treten jedoch metallische Schuppen an Kopf oder Flügeln auf. Der Kopf zeichnet sich durch eine struppige Beschuppung sowie prominente, oft aufwärts gerichtete Labialpalpen aus, während Ocellen meist reduziert sind oder fehlen. Die Antennen sind meist fadenförmig und etwa so lang wie die Vorderflügel, wobei der Saugrüssel oft verkürzt ist oder gänzlich fehlt. Charakteristisch für die langen Beine sind die Hintertibien, die mit abstehenden, verlängerten Schuppen besetzt sind und bei manchen Unterfamilien Dornen aufweisen.[1] Zur taxonomischen Bestimmung dient das Flügelgeäder, insbesondere die Anwesenheit oder Fusion bestimmter Adern wie R1, R4 und R5.[3] Ein Sexualdimorphismus zeigt sich oft in der Körpergröße sowie den Antennen, die bei Männchen zur besseren Pheromonwahrnehmung gefiedert oder kammartig ausgeprägt sein können. Die Larven besitzen einen eruciformen Körperbau mit einer sklerotisierten Kopfkapsel, drei Brustbeinpaaren sowie Bauchbeinen an den Segmenten 3 bis 6 und 10. Sie sind typischerweise klein, länglich und von blasser oder weißlicher Färbung. Wichtige Bestimmungsmerkmale der Larven sind die Anordnung der Borsten (Chaetotaxie) sowie die Morphologie der Spinndrüsen.[2] Viele Arten konstruieren aus Seide und Substratpartikeln transportable Köcher, die Schutz bieten und mit dem Wachstum der Larve erweitert werden.[2][4] Die Puppen gehören zum obtecten Typ mit eng anliegenden Gliedmaßen und besitzen am Hinterleibsende einen Cremaster mit Hakenstrukturen zur Verankerung im Kokon.[2] Die Eier werden einzeln oder in kleinen Clustern auf dem Substrat abgelegt. Historisch wurden *Tineidae* oft mit Sackträgern (*Psychidae*) verwechselt, lassen sich jedoch durch detaillierte Analysen der Genitalien und des Flügelgeäders abgrenzen.[3]
Während die meisten *Tineidae* ökologisch wertvolle Zersetzer von organischem Material sind, gelten einige synanthrope Arten wie die Kleidermotte (*Tineola bisselliella*) und die Pelzmotte (*Tinea pellionella*) als bedeutende Materialschädlinge.[1][2] Das Schadpotenzial geht ausschließlich von den Larven aus, die Keratin in Textilien, Pelzen, Federn und Leder verdauen und dabei unregelmäßige Löcher sowie Gespinströhren verursachen.[3][4] Neben Textilschädlingen befallen Arten wie *Monopis crocicapitella* gelagerte Produkte oder, wie die Bananenmotte (*Opogona sacchari*), landwirtschaftliche Kulturen.[2][1] Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich, wobei allein *T. bisselliella* in den USA jährliche Schäden von geschätzt 200 Millionen Dollar verursacht.[7] Typische Befallsanzeichen sind neben Fraßlöchern auch Kotkrümel (Frass) und seidige Gespinste auf den Materialien. Zur Prävention empfiehlt sich die Lagerung anfälliger Textilien in luftdichten Behältern, um die Eiablage durch adulte Motten zu verhindern.[3] Regelmäßiges Staubsaugen, insbesondere in Ritzen und unter Möbeln, entfernt Eier und Larven, wobei der Beutelinhalt sofort entsorgt werden muss. Physikalische Bekämpfungsmethoden umfassen die chemische Reinigung bei über 49 °C oder das Einfrieren der Gegenstände bei -20 °C für mindestens eine Woche, was alle Entwicklungsstadien abtötet.[1] Für das Monitoring werden mit Pheromonen beköderte Klebefallen eingesetzt, die männliche Motten anlocken und so einen Befall frühzeitig anzeigen. Im Rahmen der Integrierten Schädlingsbekämpfung (IPM) werden chemische Mittel minimiert und durch Hygienemaßnahmen sowie physikalische Barrieren ergänzt.[2] Biologische Bekämpfungsansätze nutzen natürliche Feinde wie die Schlupfwespe *Trichogramma evanescens*, die Eier der Motten parasitiert und den Reproduktionszyklus unterbricht.[1] Auch Brackwespen wie *Bracon hebetor* oder *Apanteles carpatus* attackieren gezielt die Larvenstadien der Schädlinge.[1][2] Als selektives biologisches Insektizid wirkt *Bacillus thuringiensis* var. kurstaki, dessen Toxine den Darm der Larven schädigen. Neuere Forschungen bestätigen zudem die repellierende Wirkung von ätherischen Ölen aus Eukalyptus (*Eucalyptus globulus*) und Lavendel (*Lavandula angustifolia*) zur Abschreckung adulter Motten.[1]